Leseprobe: Inkarnation

Erscheinungsdatum: 15. Dezember 2014

Genre: Fantasy, Magie, Hexenmeister, Dark Fantasy

Seiten: 258

Preis:

0,99

Kurzbeschreibung:

Der Magierkönig Falbyr wird von seinem treuesten Verbündeten heimtückisch verraten und ermordet. Nach mehr als eintausend Jahren wird er wieder geboren, jedoch erinnert er sich nicht an sein früheres Leben. Bis zu einem verhängnisvollen Einbruch. Als Dieb versucht sich der unwissende Wiedergeborene in einer korrupten Stadt durchzukämpfen. Schon bald ist nicht nur der Bürgermeister hinter ihm her, sondern auch dutzende von Magiern. Mit seinen wieder gewonnenen Kräften, versucht sich Falbyr gegen seine Feinde zu behaupten und die finsteren Pläne seines einstigen Verbündeten zu durchkreuzen.
Michael Stauner
Inkarnation
Roman

Inhaltsverzeichnis:

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Epilog

Prolog

In Gedanken versunken, beobachtete Falbyr, wie die Wache mit einer Fackel in der Hand durch den Thronsaal schritt. Wie an jedem Abend, umrundete er den Saal und entzündete so die ovalen Ölwannen, welche in kurzen Abständen im Raum verteilt waren.

Die Königshalle, so wie Falbyr sie gerne nannte, war vor etlichen Jahren nach seinen persönlichen Wünschen gebaut worden. Die Eingangstüren waren aus purem Gold errichtet worden. Von dort aus führte ein breiter und mindestens fünfzig Schritt langer Gang bis zum eigentlichen Thronsaal.

Im Gang waren ebenfalls vereinzelte Ölwannen, die genügend Licht spendeten, um die wenigen Wachen in ein flimmerndes Orange zu tauchen. Die Wachen waren in Zeiten wie diesen nicht nötig, jedoch bestand Falbyr darauf, dass sie zu jeder Zeit anwesend waren.

Der breite Gang mündete schließlich in den runden Thronsaal. Diverse Wandteppiche, aus den südlichen Oasen, zierten den relativ schlicht gehaltenen Residenzsitz des Magierkönigs. In der Mitte befand sich der Thron, welcher aus geschmolzenen Drachenknochen hergestellt worden war. Auf diesem saß er.

Ein lauter Ruck ließ ihn aus seinen Gedanken hochschrecken. Die vergoldeten Türen wurden mühsam von zwei schwer gerüsteten Kriegern aufgestemmt. Hinter ihnen kamen weitere Wachen zum Vorschein, welche eine einzelne Person begleiteten.

Neben den vollgerüsteten und muskulösen Männern sah der Besucher aus, als ob er von einer anderen Welt kommen würde. Der Mann wirkte abgemagert und trug nur eine lederne Robe. Das Alter konnte man nur schwer einschätzen. Auf dem Gesicht hatten sich teilweise Falten gebildet und kein einziges Barthaar war zu erkennen.

Jedoch ging er sehr aufrecht und gleichzeitig gelassen. Hätte Falbyr es nicht besser gewusst, würde er davon ausgehen, dass er kurz davor war sein vierzigstes Lebensjahr zu überschreiten. Aber er wusste es besser. Er war, wie er selbst, schon mehrere Jahrhunderte alt.

Der Magierkönig erhob sich von seinem Thron und begrüßte den Besucher. »Balthazar! Es ist mir eine Ehre Euch in der Hauptstadt willkommen zu heißen. Ich hatte Euch früher erwartet.«

Balthazar deutete eine Verbeugung an, »Entschuldigt meine Verspätung. Es gab noch diverse… Unannehmlichkeiten.«

»Ich hoffe nichts ernstes?«, fragte Falbyr neugierig nach.

Balthazar winkte halbherzig mit der Hand. »Hexenmeister Angelegenheiten.«

Falbyr verstand, es ging ihn nichts an und der Älteste der Hexenmeister wollte auch nicht darüber reden.

»Nun Balthazar. Ihr seid weit gereist und es wird langsam spät. Wollt Ihr mir und meiner Frau beim Essen Gesellschaft leisten?«

Der Hexenmeister verzerrte sein Gesicht und versuchte so hoffnungslos ein Lächeln hervorzuzaubern. »Gerne.«

Während Falbyr die Marmorstufen vom Thron hinabschritt und die Wachen weg winkte, fragte er, »Was esst ihr Hexenmeister noch einmal gerne? Rohe Ziegenkälber?«

Balthazar starrte ihn einfach nur ausdruckslos an.

Falbyr lachte los, »Ein Scherz! Wie ich sehe habt Ihr immer noch keinen Sinn für Humor.«

Der Hexenmeister senkte traurig den Kopf zu Boden. »Die traurige Mehrheit der Bevölkerung denkt wirklich, dass wir so etwas machen. Und das ist noch das Harmloseste von dem was sie uns unterstellen.«

Falbyr klopfte ihm aufmunternd auf die Schultern. »Das liegt daran, dass ihr euch in euren Klamm verkriecht und euch niemand sieht. Aber deswegen seid Ihr ja hier, nicht wahr?«

Er wusste ganz genau, dass die Hexenmeister überwiegend okkulte Magie einsetzten und einige merkwürdige Traditionen führten. Aber als König musste er für Frieden und Diplomatie unter den verschiedenen Völkern sorgen.

»Ja. Wir brauchen den Handel mit den Eisnomaden«, gab Balthazar zu.

»Warum auf einmal?«, hakte er interessiert nach.

»Für gewisse Opferungen benötigen wir die Eingeweide von diversen Tieren. Und nachdem wir keine guten Jäger sind, würde uns der Handel einiges erleichtern.«

Falbyr wusste nicht, ob das ein Scherz oder die Wahrheit war. Bevor er nachfragen konnte, wurden sie durch ein Rumpeln unterbrochen.

Eine Wache hatte die Türen aufgestoßen und kam ihnen mit gehetztem Gesichtsausdruck entgegen.

»Mein König!«, rief er aufgebracht.

Falbyr sah ihn verständnislos an.

»Es gab einen Einbruch! In der Schatzkammer!«

 

 

Falbyrs erfreuter Gesichtsausdruck wurde schlagartig zu einer Mischung aus Entsetzen und Zorn. Ohne ein weiteres Wort, hastete der Magierkönig mit einer Wache davon. Balthazar sah noch die sandfarbene Tunika flattern, bevor sich die vergoldeten Türen wieder mit lautem Knallen schlossen.

Der Hexenmeister wollte gerade einen Schritt vorwärts gehen, als sich eine Palastwache direkt vor ihn stellte. Der Berg von einem Mann verschränkte eisern die Arme vor ihm.

»So ist das also?«, fragte Balthazar.

»Es gab einen Einbruch. So sind unsere Vorsichtsmaßnahmen«, brummte die Wache düster.

Er spürte wie sein Blut immer wärmer wurde. Es war eine Frechheit so mit einem Gast umzugehen. Balthazar versuchte sich zu beherrschen. Er musste den Frieden bewahren und zudem wusste er genau, dass er nicht die geringste Chance gegen die Wachen hatte. Jeder einzelne Krieger trug ein verfluchtes Schwert. Die Schwerter schützten den Träger vor jeglichen magischen Angriffen.

»All die Jahre war es ruhig hier und jetzt wo du auftauchst, wird in die Schatzkammer eingebrochen«, zischte eine andere Wache, die gerade auf ihn zu ging und das Schwert zog.

Balthazar schluckte hart, wenn Falbyr nicht bald zurückkommen würde, wäre das sein Ende.

»Es könnte ein Zufall sein«, brummte die andere Wache.

»Ich glaube nicht an Zufälle.«

Balthazar fixierte die Wache mit den Augen und achtete auf jede Bewegung. Ab jetzt verging alles für ihn, wie in einer Zeitlupe. Der Mann, der ihn kampfbereit umrundete. Die andere Wache, die langsam zurück ging und ebenfalls ihr Schwert zog. Sowie alle anderen Palastwächter, die sich ebenfalls kampfbereit machten.

Und er spürte etwas, etwas was die Wachen nicht spüren konnten. Mehrere magische Auren kamen auf sie zu. Im nächsten Moment ertönte ein lautes Donnern und die Türen krachten mit einem gewaltigen Ruck auf. Eine kippte sogar aus ihren Angeln. Ein immenses Beben tobte durch den Gang und ging durch Balthazars Mark und Knochen.

So schnell er konnte, ließ er eine nahstehende Ölwanne mit unsichtbaren Kräften auf ihn zufliegen. Sobald er sie in den Händen hielt, warf der Hexenmeister sie sofort auf den Marmorboden.

»Rehef!«, zischte er dabei düster.

Das Öl verteilte sich kreisförmig um ihn herum und entzündete sich dabei. Die beiden Wachen gingen kreischend in Flammen auf und versuchten sich am Boden abzurollen. Doch das Feuer brannte auf ihnen weiter und verwandelte sie ihn kokelnde Kadaver.

Balthazar hatte keine Zeit sich sein Werk weiter zu begutachten. Er fing an zu laufen. Geschwind wich er vereinzelten Schwerthieben aus, sowie fehlgeleiteten Zaubern. Während seiner Hast bemerkte er, dass die Magier, die in den Saal eingedrungen waren, nicht auf ihn schossen. Sie attackierten wild die Wachen.

Blaue und violette Strahlen schossen in die Decken und ließen gewaltige Brocken auf die gerüsteten Krieger herabregnen. Geworfene magische Feuerbälle fanden ihren Weg in die Ölwannen und entzündeten die unterlegenen Wachen. Sie waren zwar durch ihre Schwerter immun gegen Magie, aber nicht gegen Feuer und herumfliegende Gesteinsbrocken.

Ein paar wenige Wachen schafften es zu den Angreifern vorzudringen und sie im Nahkampf zu bekämpfen. Die meisten jedoch waren zu geschockt, um schnell genug zu reagieren. Immerhin waren sie dazu da, die Magier zu beschützen und nicht gegen sie zu kämpfen.

Balthazar nutzte die Ablenkung und rannte weiter. Ein paar Magier bemerkten ihn, als er auf sie zu lief. Sofort bombardierten sie ihn mit glühenden Feuerbällen. Der Hexenmeister lenkte jeden einzelnen mit seiner unsichtbaren Magie ab. Einige fanden ihren Weg zurück zu den Magiern, andere landeten in Wänden.

Alles um ihn herum explodierte und Splitter aus den Wänden flogen ihm entgegen. Im nächsten Moment war er bei den Magiern, genauso wie einige Wachen die hinter ihm nach gelaufen waren und ihn als Schutzschild verwendet hatten.

Balthazar packte den am nächsten stehenden Magier an der Brust und dunkelrotes Leuchten umgab seine Hand. Er spürte, wie die Magie sein Gegenüber verließ und in ihn floss. Er versuchte sich zu wehren, doch es war schon viel zu spät. Seine Kräfte verließen ihn und er sackte zusammen.

Gestärkt schaute der Hexenmeister auf und bemerkte zufrieden, dass sich die Magier und Wachen nur noch um sich selbst kümmerten. Keiner achtete mehr auf ihn. Hastig lief Balthazar weiter, er musste Falbyr finden und warnen. Jemand hatte ihn verraten.

 

 

Wieder einmal verfluchte Falbyr seinen eigenen Bann, den er über die ganze Stadt gelegt hatte. Es war ein Zauber, der jegliche Teleportationen unterdrückte. In einer Metropole voller Magier, die sich überall hin teleportieren konnten, würde das nur im Chaos enden.

Doch nun musste er die unzähligen Stufen hinab in die Schatzkammer laufen. Neben seinen schnellen Schritten, hallte auch noch das laute Scheppern seines Begleiters durch das Treppenhaus. Es war eine der vielen Stadtwachen, die Falbyr immer noch nicht beim Namen kannte. Das Flackern der Fackeln, welche durch das vorbeihastende Duo aufgewirbelt wurden, spiegelte sich leicht auf der Rüstung des Kriegers ab. Der Magierkönig ignorierte das heftige Atmen seines Begleiters und rannte rücksichtslos weiter. Sie waren fast da und durften keine Zeit verlieren. Es wunderte ihn immer noch, dass es jemand geschafft hatte, in seiner Schatzkammer einzubrechen. Der Zauber der Eindringlinge fernhielt war an sein Leben gekoppelt. Nur ein überaus mächtiger Zauberer könnte dies überwinden. Zornig fing Falbyr bereits an seine inneren Kräfte herauf zu beschwören. Einige der wichtigsten und zugleich gefährlichsten Grimoires befanden sich dort.

Er erreichte das Ende der Treppe und überbrückte die letzten Stufen mit einem Sprung. Ohne anzuhalten, rannte er um die Ecke und blieb in dem düsteren Vorraum stehen.

Das sperrige und mit Runen versehene Metalltor war unversehrt und verschlossen. Genauso wie es sein sollte. Abgesehen von ein paar kahlen Säulen und wenigen Fackeln war es hier vollkommen leer.

Die Wache, die ihm von dem Einbruch berichtet hatte, kam nun auch schnaufend an.

»Es gab keinen Einbruch du Narr!«, fauchte er den Berg von einem Mann an.

»Noch nicht«, grölte eine raue Stimme aus der Dunkelheit.

Falbyr drehte sich energisch um und schnippte mit den Fingern. Eine zu Beginn kleine Lichtwelle breitete sich aus und wurde kegelförmig immer größer. Der Zauber beleuchtete die komplette Kammer.

Erst erkannte er nichts, dann schälte sich langsam eine Gestalt aus den Schatten. Sie trug eine schwarze Kutte und bedeckte ihr Gesicht mit einer Kapuze. Falbyr spürte, wie er durch reinen Instinkt bereits in beiden Händen Feuerbälle formte.

»Genug mit dem Versteckspiel, gib dich zu erkennen«, knurrte er wütend.

Mit einem diabolischen Lächeln nahm der Unbekannte seine Kapuze herab. Ein wettergegerbtes Gesicht mit ergrauten Bartstoppeln kam zum Vorschein. Eine unübersehbare Narbe zeichnete sich über dessen rechten Auge ab und verlief noch ein Stück über seine Wange. Vermutlich hatte ihn irgendwann einmal ein Schwerthieb getroffen und zu seinem Glück hatte es das Auge verschont.

»Maldor, was soll das?«, fragte Falbyr halb verwundert und halb wütend.

Ruhig schritt der Magier von der Säule weg und fixierte dabei Falbyr belustigt. »Ich nehme mir das zurück, was mir gehört.«

»Und das wäre?«

»Die Grimoires, deine Macht und das Land«, erwiderte sein Gegenüber kalt.

»Nichts davon hat jemals dir gehört«, knurrte Falbyr.

Das Leuchten seiner beiden Feuerbälle zeichnete sich im gesamten Raum ab. Immer noch hielt er sie in den Händen und fixierte Maldor. Er war bereit für seinen Angriff und sein Gegenüber hatte nur geredet und sich nicht einmal ansatzweise vorbereitet.

»Es wird mir aber bald alles gehören.«

Falbyr ließ ein trockenes Lachen los. »Du bist töricht, wenn du glaubst, dass du allein mich besiegen könntest. Und selbst wenn, dann werden sie dich jagen. Wie einen Hund.«

Nun war es Maldor, der lachte, »Wer soll mich jagen? Während wir hier reden, werden da oben alle niedergemetzelt, die mit dem kommenden neuen Zeitalter nicht zufrieden sind.«

Jetzt spürte Falbyr es. Er hatte sich zu sehr auf den Verräter konzentriert, um es zu bemerken. Er spürte jede einzelne magische Entladung über ihn, jeden einzelnen der starb. Trotz der weiten Entfernung und den dicken Mauern konnte er die Todesschreie hören. Und noch etwas spürte er. Die Wache hinter ihm hatte ihr Schwert gezogen und holte gerade zum Schlag aus. Mit immenser Geschwindigkeit drehte sich der Magierkönig um und warf dabei einen Feuerball nach Maldor, während er den anderen genau auf die Wache warf.

Falbyr hörte wie es hinter ihm detonierte. Entweder hatte er verfehlt oder Maldor war ausgewichen. Zeitgleich sah er zu, wie sein Feuerball sich vor der Wache in Luft auflöste. Er hatte die verfluchten Schwerter vergessen, die er sogar selbst hergestellt hatte.

Ohne zu zögern, duckte er sich und schmetterte seine Hände auf den Boden. Dabei entstand eine gewaltige Druckwelle um ihn herum, so dass die Wache nach hinten geschleudert wurde und ihr Schwert fallen ließ.

»Ohne dein Schwert bist du nicht mehr, als ein wehrloser Verräter!« schrie Falbyr wütend und sandte währenddessen einen violetten Blitz genau in die Brust der Wache.

Schnell drehte er sich halbherzig um und schleuderte mehrere Feuerbälle blind durch die Kammer. Dann rannte er zur Treppe und hastete sie empor. Er würde sich später um Maldor kümmern. Die Sorgen um seine Frau besiegten seine Wut über den Verrat.

Während er die Treppe hoch eilte, schleuderte er immer wieder Blitze und Feuerbälle in den Abgrund. Normale Magier hätten das nicht getan. Und das nur aus Furcht, dass sie ihr inneres Reservoir damit verschwendeten. Doch er war kein normaler Magier. Er besaß genug Macht und könnte dies den ganzen Tag machen.

Dennoch konzentrierte er sich immer mehr darauf schneller hoch zu laufen, als sich von seinem Widersacher aufhalten zu lassen. Nachdem kein einziger Zauber in seine Richtung flog, lenkte Falbyr seine komplette magische Energie darauf um noch schneller zu rennen.

Langsam wich die Düsternis. Und schon bald strahlte ihm das Rot der untergehenden Sonne entgegen. Der Magierkönig sammelte sich kurz und blickte dann dem Chaos entgegen.

Magier attackierten Magier mit gewaltigen Angriffen, Palastwachen metzelten sich gegenseitig nieder. Hier und da kämpften auch Magier gegen normale Krieger, die mit ihren Schwertern jedoch nicht hoffnungslos unterlegen waren. Falbyr konnte nicht sagen, wer nun Freund oder Feind war. Von überall her dröhnten markerschütternde Todesschreie zu ihm, gemischt mit dem ohrenbetäubenden Lärm der Alarmglocken.

Plötzlich spürte er etwas Stechendes in seinem Rücken. Verwirrt blickte Falbyr an sich herab und sah eine Schwertspitze aus seiner Brust ragen. Langsam bildete sich an der Stelle ein roter Fleck der immer größer wurde. Er versuchte sich zu heilen, doch es passierte nichts. Nicht einmal seine Magie konnte er spüren. Mit dem Schwert im Rücken sank er auf die Knie. Jetzt lief sogar schon das Blut aus seinem Mund und er fing an zu röcheln.

Immer schwächer werdend, blickte er mit Tränen in den Augen auf seine brennende Stadt und den Berg aus Leichen. Dann tauchte vor ihm eine schwarze und staubige Robe auf und versperrte so die Sicht auf das Massaker.

Maldor grinste ihn diabolisch an.

»Du hast verloren Falbyr.«

Er versuchte zu antworten, doch es gelang ihm nur ein weiteres Röcheln.

»Zuerst hatte ich deine Idee von diesen Schwertern, die Magie absorbieren gehasst. Doch nun… nun ja. Du merkst es ja gerade am eigenen Leib.«

Falbyr funkelte seinen Mörder noch einmal böse an, dann wurde alles um ihn herum dunkel und er kippte um. Noch ein letztes Mal nahm er einen Funken Magie in seinem Körper wahr, dann verlor er endgültig sein Bewusstsein.

Kapitel 1

Ein Jahrtausend später…

 

Grelle Blitze zuckten durch das Abendrot. Sie suchten ihren Weg und donnerten gegen Männer und Frauen, die Kutten oder Roben trugen. Andere Blitze prallten gegen Mauern und ließen diese daraufhin einstürzen.

Nicht nur Blitze, sondern auch grelle Strahlen und glühende Feuerbälle, flogen umher. Für einen Außenstehenden, wäre dies ein faszinierender und womöglich schöner Anblick gewesen. Jedoch nicht für jemanden der inmitten dieses Chaos stand.

Der Geruch von Tod und Schwefel lag in der Luft. Frauen und Kinder rannten schreiend um ihr Leben. Allerdings entkamen nur wenige den wahnsinnig gewordenen Zauberern, die sich ohne Rücksicht auf Passanten gegenseitig niedermetzelten.

Wo man auch hinsah, erkannte man das Maß der Zerstörung und Brutalität. Ein stechender Schmerz durchbohrte ihn, ein alter Mann starrte ihn grinsend an. Es war aber kein freundschaftliches Lächeln, viel mehr ein mörderisches und zufriedenes. Er blickte an sich herab und sah all das viele Blut an seiner eigenen Kleidung.

Schweißerfüllt und keuchend, wachte Falb aus seinem Alptraum auf. Sein Herz raste wie verrückt. Langsam richtete er sich auf und atmete ruhig ein und aus. Es war nur ein Traum. Der gleiche Traum, der ihn schon seit er denken konnte heimsuchte.

Nach mehr als fünfundzwanzig Jahren hatte er sich immer noch nicht komplett daran gewöhnt. Falb versuchte es einfach zu verdrängen. Was würde es ihm schon nutzen, wenn er sich den ganzen Tag darüber den Kopf zerbrach. Andere Männer waren schon wegen harmloseren Sachen verrückt geworden.

Gemächlich stand er auf und ging vorsichtig durch das dunkle Zimmer. Er spürte die kalten Holzbalken unter seinen nackten Füßen und hörte wie sie bei jedem Schritt leise knarrten.

Sachte öffnete er das Fenster an der Wand und sofort kam ihm ein frischer Windzug entgegen. Falb schloss noch einmal die Augen und genoss die Abkühlung, dann lehnte er sich mit den Armen an der rauen Fensterbank ab und blickte in den Himmel.

Es war eine leicht bewölkte Herbstnacht. Hier und da erkannte er vereinzelt ein paar Sterne. Sofort drangen neue deprimierende Gedanken hervor. Vor gar nicht allzu langer Zeit hatte er noch an so vielen Abenden zusammen mit Sini die Sterne angeschaut. Sie waren einfach nebeneinander gelegen und hatten in den nächtlichen Himmel geschaut.

Sie war seine erste und bis jetzt einzige Freundin gewesen. Er kannte sie schon, seitdem er ein Kind gewesen war. Und nach all den Jahren hatte sie ihn verschmäht und abgestoßen, wie einst seine Eltern.

Ein einzelner Regentropfen, der mitten auf seiner Stirn landete, riss Falb aus seinen düsteren Gedanken. Die Wolken hatten sich mittlerweile vermehrt und es wurde noch dunkler.

Falb atmete noch einmal tief durch und entfernte sich wieder vom Fenster. Ruhig verschloss er es wieder und zog sich seine braune Lederhose, sowie ein schwarzes Hemd, an. Daraufhin hob er seine schwere Tasche auf und warf sie sich über die Schulter. Es war Zeit zu gehen. Ebran wartete sicher schon auf ihn.

 

 

Ein jeder Schritt von ihr hallte durch die fast leere Straße. Sinis Reiterstiefel hatten nicht nur hohe Absätze, sondern schützten zudem gut vor Nässe. Besorgt sah sie zum Himmel. Immer mehr Wolken tauchten auf und immer weniger Sterne waren zu sehen.

Sie fand die kleinen hellen Pünktchen am Nachthimmel einfach wunderschön und bezaubernd. Traurig dachte sie an Falb, er hatte sich in den letzten Jahren einfach zu sehr verändert. Und nachdem sie mit ihm Schluss gemacht hatte, war sein Verhalten noch schlimmer geworden. Sini hatte gehofft, dass sie ihn dadurch wach rütteln konnte und er endlich ein normaleres Leben führen würde. Doch sie hatte es nur schlimmer gemacht und das würde sie heute ändern.

Die ersten Regentropfen perlten von ihrem Gesicht ab und sie bemerkte wie langsam ihre schwarzen Haare nass wurden. Sie wendete den Blick von den Wolken ab und begutachtete das zylinderförmige Glas, welches sie erstanden hatte.

Es war so groß wie ihre Hand und im Inneren befanden sich braune Wurzeln. Ein mittlerweile vergilbter Zettel, mit der Aufschrift »Gipfelwurz«, kennzeichnete ihr letztes Reagenz.

Vor einigen Wochen hatte sie auf einem Basar ein uraltes Grimoire erstanden. Falb hatte sie immer für ihren Glauben schief angeschaut oder ausgelacht. Gelegentlich verstand sie ihn auch. Doch dieses Zauberbuch war anders. Es sah einfach so alt und echt aus. Nicht so wie die ganzen Fälschungen auf die sie in den Jahren hereingefallen war.

Ein Ritual war ihr besonders ins Auge gesprungen. Es handelte davon, eine Person wieder zu der zu machen, die sie wirklich war. Sini würde heute Nacht Falb retten. Es war ihr egal, ob er es wollte oder nicht.

 

 

Aus einem einzelnen Regentropfen, der über Meilen hinweg vom Himmel fiel und am Boden in tausende Partikel zerschellte, wurden Dutzende. Zusammen tauchten sie die gepflasterte Straße in eine rutschige und spiegelnde Oberfläche.

Auf dieser huschte gerade Falb durch die kleinen Gassen. Neben dem beständigen Klirren und Scheppern seiner schweren Tasche und dem Prasseln des Regens, waren keine anderen Geräusche zu vernehmen. Die Straßen waren wie ausgestorben, was mitten in der Nacht kein Wunder war.

Falb spähte vorsichtig um die Ecke der letzten Gasse und überquerte daraufhin schnell den Platz. Hinter dem Sockel einer drei Schritt hohen Statue sah er bereits Ebran kauern. Falb huschte schnell zu ihm und fing sofort damit an den Inhalt seiner Tasche auszupacken.

»Du bist spät dran, dachte schon du würdest nicht kommen«, begrüßte ihn sein Freund.

Seine mittellangen braunen Haare hingen nass von seinem Gesicht herab. Wie er selbst, wühlte Ebran in einer Tasche herum.

»Ich würde dich doch nie im Stich lassen«, grinste Falb und holte ein Messer heraus. Mit geübten Handgriffen schnallte er es sich um seinen Unterschenkel.

Ebran grub gerade einen Enterhaken aus und wickelte das Seil zusammen.

»Stimmt. Sogar als du mit dieser Sini zusammen warst, hast du keine Rückzieher gemacht.«

Falb schnallte sich gerade einen Waffengürtel um. »Hast du dich schon mal gefragt, ob wir nicht für etwas Höheres bestimmt sind?«

»So viel zu Sinis guten Einfluss«, stöhnte sein Kamerad.

»Nicht das.«

Falb überprüfte seine Utensilien. Dietriche, Messer, Haken, selbstgebaute Rauchbomben, eine kleine und handliche Keule mit einem stumpfen Metallende. Es war alles da.

»Was meintest du dann?«, fragte Ebran und schnallte sich eine Pistole um.

Falb konnte diese neuen Dinger nicht leiden. Sie waren ungenau und laut. Und zum Nachladen brauchte man viel länger, als bei einem Bogen oder einer Armbrust.

»Etwas Ehrenhafteres als Leute auszurauben«, gab er knapp von sich.

»Keiner der Berufe in dieser verdammten Stadt oder diesem Land ist ehrenhaft. Kaufleute zocken Bürger ab. Handwerker arbeiten sich ihren Rücken krumm und werden dafür unterirdisch bezahlt. Das meiste Geld nehmen die ein, die wir ausrauben. Wir nehmen uns nur das, was sie den Menschen stehlen. Wir nehmen das, was rechtmäßig uns gehört. Sie sind die Unehrenhaften. Wir sind die Helden dieser glorreichen neuen Zeit.«

Ebrans Gesicht war todernst und Falb wusste auch, dass er Recht hatte.

»Dann los«, flüsterte er und schulterte seine leere Tasche.

Sein Freund nickte grimmig und spähte hinter den Sockel. Falb nahm sich an ihm ein Beispiel. Vor seinen Augen erstreckte sich eine riesige Villa. Sie war eckig gebaut worden und bestand aus vier Flügeln. Für jede Himmelsrichtung einer, sie standen vor dem westlichen und dem Haupteingang. Alle Lichter waren mittlerweile erloschen und die Bewohner und Bediensteten schliefen wohl bereits.

Eine riesige Mauer zog sich um das gesamte Gebäude, sie musste mindestens fünf Schritte hoch sein. Das einzige Tor, das in den Hof und Garten hineinführte, war das sperrige Metalltor direkt vor ihnen.

»Als ob uns die Mauer aufhalten würde«, schmunzelte Ebran.

»Zwei Wachen. Eine vor und eine hinter dem Tor.«

»Ich geh über die Mauer und gebe dir das Zeichen.«

Falb nickte.

»Dann los!«, zischte Ebran und spurtete weg.

Falb nutzte den Schutz der Dunkelheit und schlich in die Richtung des Tors. Ein kurzer Blick bestätigte ihm, dass Ebran bereits seinen Enterhaken rüber geworfen hatte und hinaufkletterte.

Er hingegen schlich an der Mauer entlang und versteckte sich hinter einem Busch, der direkt vor dem Tor war. Von hier aus erkannte er beide Wachen. Er konnte sogar schon ihren Schweiß und das Waffenfett riechen.

Plötzlich gab es ein lautes metallisches Knallen am Tor. Beide Wache drehten sich erschrocken um. Das war das Zeichen. Falb packte seine kleine Keule so fest, dass sich seine Rückhandknochen bereits weiß abzeichneten.

Schlagartig verließ er die Deckung des Busches und rannte der Wache entgegen. Völlig überrascht starrte der bärtige Mann ihn angsterfüllt an. Ohne jegliche Reaktion sah er zu, wie Falb auf ihn zu rannte. Es waren nur ein paar Schritte gewesen. Bevor er auch nur schreien konnte, schlug Falb ihm mit voller Wucht die Keule über den Schädel.

Bewusstlos sackte der Mann in sich selbst zusammen. Ein lautes Knacken ließ ihn herumfahren. Ebran hatte gerade das gewaltige Tor aufgebrochen.

»Was stehst du da so rum? Los zieh ihn hinter den Busch. Beeil dich!«, zischte er gehetzt.

Falb packte den noch atmenden Mann und zerrte ihn in das Gebüsch. Daraufhin lief er geduckt durch das Tor und folgte Ebran durch den Hof. Als ob die beiden in ihrem Leben nichts anderes gemacht hätten, liefen sie durch die Dunkelheit und spähten flink um jede Ecke bevor sie weiterliefen.

Ebran, der voraus lief, hob schnell seine Faust hoch. Wie aufs Stichwort blieben beide schlagartig stehen und duckten sich hinter einen Brunnen. Nur noch wenige Schritte trennten sie vom Hauseingang.

Jetzt hörte er es auch. Zwei Wachen redeten und kamen auf sie zu. Wieder einmal fasziniert von Ebrans Sinnen, spähte er hinter dem Brunnen hervor. Beide sahen fast identisch zu dem vorherigen Wachposten aus. Sie trugen ihre dunkelblaue Uniform und das Symbol des Bürgermeisters prangte auf ihrer Brust. Wohlgeformte Bäuche und Waffengürtel rundeten das Erscheinungsbild ab.

Das Symbol hatte er nur erkannt, da sie eine Fackel bei sich trugen. Oranger Lichtschein blendete seine Augen. Gehetzt huschte Falb wieder herunter. Er wusste, dass sie etwas Größeres und Wertvolleres ausrauben würden. Sie hatten die Villa schon an den Vortagen untersucht, doch nie war ihm aufgefallen, dass es etwas mit den korrupten Politikern der Stadt zu tun hatte.

Ebran machte eine Geste mit seiner eigenen Keule und deutete auf Falb und daraufhin auf den rechten Wächter. Er nickte grimmig und machte sich bereit. Sein Kamerad zählte lautlos bis drei.

Gleichzeitig sprangen sie auf und rannten aus ihrem Versteck hervor. Falbs Gegenüber schaffte es noch sein Schwert zu ziehen und seinen Schlag zu parieren. Ohne wertvolle Zeit zu verschwenden, schlug er der Wache mit voller Wucht seine Faust ins Gesicht. Zurücktaumelnd hieb der uniformierte Mann mit seinem Schwert nach ihm. Hastig duckte sich Falb und sprang einen Schritt zurück.

Der Vorteil der Überraschung war nun verflogen und die Wache nutzte nun ihre Überlegenheit mit der Reichweite des Schwertes. Falb konnte sich nur ducken und ausweichen, mit seiner kleinen Keule war er hoffnungslos unterlegen.

Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie Ebran gerade die Abwehr seines Gegners durchdrang. Mit einem Schrei ging die erste Wache zu Boden. Falb nutzte die Ablenkung seines Gegners und schlug ihm abermals die Keule heftig gegen seinen Kopf. Diesmal ging der Schlag durch und der Mann ging mit einem Stöhnen zu Boden.

Schnelle Blicke verrieten ihm, dass sie niemand gehört hatte. Alle Lichter im Hausinneren blieben aus. Falb machte sich daran die bewusstlosen Männer zu verstecken.

Ebran unterbrach ihn fauchend, »Dafür haben wir keine Zeit mehr, wir müssen uns beeilen!«

Daraufhin packte sein Freund die zu Boden geworfene Fackel und warf sie in den Brunnen. Zischend ging sie unter.

Zusammen huschten sie zu der Tür. Während Ebran sich mit einem Dietrich daran machte sie aufzusperren, hielt Falb geduckt Wache.

»Hast du die Symbole auf ihren Uniformen gesehen?«, fragte Falb flüsternd.

»Ja. Die Männer vom Bürgermeister, das ist aber nicht seine Villa.«

»Was machen die hier?«

Falb hörte ein leises Knacken und drehte sich um. Ebran hatte endlich die Tür geöffnet, er steckte seinen Kopf herein und winkte ihm. Zusammen schlichen sie in das riesige Haus.

»Ich weiß nicht was die hier machen. Aber sie beschützen wohl etwas Wertvolleres. Vielleicht Steuergelder oder eine mächtige Person.«

Ebran musste ihm nicht erklären, dass Personen in der Politik ohnehin reich und einfach zu beklauen waren. Sein Freund führte ihn zielstrebig durch den Gang und suchte eine Tür, die in den Keller führte. Das war ihre natürliche Vorgehensweise. Die meisten versteckten ihr Hab und Gut im Keller. Wenn dieser leer war, streiften sie schnell durch die am besten eingerichteten Zimmer und nahmen mit was sie tragen konnten.

Ebran blieb vor einer Tür stehen und ruckelte leicht an ihr. Sie öffnete sich kein Stück.

»Verschlossen. Hier muss es sein«, hauchte er.

Falb glaubte in seiner Stimme so etwas wie Gier zu hören. Er ignorierte das jedoch und machte sich an dem Schloss zu schaffen, während Ebran diesmal die Augen offen hielt.

Es war unmöglich in der Dunkelheit irgendetwas zu erkennen. Falb verließ sich vollkommen auf sein Gefühl und suchte mit den langen, dünnen Nadeln nach den Zacken im Schloss. Angestrengt schloss er die Augen, auch wenn das fast keinen Unterschied mehr machte.

Endlich spürte er es und drückte vorsichtig die Nadel ein wenig höher. Es ertönte ein leises Klicken und die Tür öffnete sich einen Spalt.

»Bin durch«, flüsterte er und schob die Tür nun ganz auf.

Das einzige was Falb erkennen konnte, waren die Treppenstufen, und diese auch nur schemenhaft. Langsam und vorsichtig tastete er sich vorwärts. Die Stufen ging er Schritt für Schritt herab, bis es keine mehr gab. Das einzige was Falb hören konnte, war sein eigener Herzschlag und Atem. Erkennen konnte er ohnehin nichts.

»Hast du eine Lampe?«, fragte er seinen Freund.

»Moment«, kam es aus der Dunkelheit.

Er hörte wie ein Stein auf Zunderholz geschlagen wurde um in nächsten Moment musste Falb seine Augen abschirmen. Es dauerte einen Moment, bis er sich wieder an die Helligkeit gewöhnte. Erstaunt betrachtete er den kleinen Keller.

Vor ihm standen zwei Stühle mit darauf liegenden Seilen. Die Lehnen standen zusammen, so dass man Rücken an Rücken saß. Im restlichen Keller befanden sich nur ein Ofen und ein paar Fässer.

»Was zum…«, raunte Ebran.

»Das ist wohl der falsche Keller«, bemerkte er knapp.

Lautes Klatschen ließ beide herumfahren. Hinter ihnen, unter der Treppe, stand ein etwas älterer dicklicher Mann. Er trug teure Seidenkleider und etwas viel Schmuck für einen Mann. Eine Halbglatze und ein aristokratischer Bart rundeten sein Erscheinungsbild ab. Es war eindeutig wer vor ihnen stand. Die eine Person, der sie nie begegnen wollten.

Links und rechts neben ihm hatten zwei Wachen Stellung bezogen. Beide zielten mit Armbrüsten auf sie. Und als ob das nicht genug gewesen wäre, trampelten nun unzählige andere Wachen über die Treppe in den kleinen Keller. Alle trugen ihre dunkelblaue Uniform und hatten ihre Waffen kampfbereit gezückt.

»Ihr seid genau im richtigen Keller«, lachte der dickliche Mann.

 

 

Blut sickerte von ihrer Handinnenfläche in die Bronzeschale. Zischend vermischte es sich mit den restlichen Reagenzien. Sini nahm ein Tuch und verband schnell die noch blutende Wunde. Sie hätte nicht gedacht, dass ein harmloser Schnitt so schmerzen würde. Aber es war es ihr trotzdem wert.

Vor Aufregung zitternd, legte sie das Grimoire neben sich auf den Boden und sah sich die fremden Runen genau an. Sini musste sie exakt abmalen und das halbkreisförmig über den Boden verteilt.

Angewidert tauchte sie die Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand in die warme Flüssigkeit. Dann fing sie an den kargen Holzboden zu bemalen. Während sie mehrere gutturale Laute aus dem Buch vorlas, dachte Sini an Falb.

An seine kurzen, verwuschelten dunkelbraunen Haare. Seinen athletischen und großen Körper und sein hinreißendes Lächeln. Sie dachte nicht nur an sein Äußeres, sondern erinnerte sich daran, wie sie als Kinder zusammen gespielt hatten. Wie sie älter geworden waren und aus ihrer Freundschaft mehr geworden ist. Und daran wie er neben ihr im Gras gelegen ist und sie die Sterne angeschaut hatten. Ihr Kopf hatte immer so perfekt auf seine Brust gepasst. Sie wollte dieses Gefühl wieder haben.

 

 

Die Wachen zurrten gerade den letzten Knoten fest. Falb spürte, wie sich das Seil in sein Fleisch schnitt. Zimperlich waren die Wachen nicht. Sich zu ergeben, war die einzige intelligente Möglichkeit gewesen. Allein gegen die Armbrustschützen waren sie hoffnungslos unterlegen gewesen und dann noch die unzähligen anderen Soldaten. Sie waren geradewegs in eine Falle gelaufen.

Der dickliche Mann mit seiner Halbglatze und den wenigen noch vorhandenen dunkelbraunen Haaren, die langsam ins Grau übergingen, beugte sich schief grinsend vor sein Gesicht.

»Dachtet ihr wirklich, dass meine Wachen es nicht merken, wenn ihr jeden Tag ewig vor der Villa steht? Und das nach all den anderen Einbrüchen in den letzten Monaten. Ich wette, dass ihr das auch wart, oder?«

Falb konnte seinen ätzenden Atem riechen, so nah stand der Kerl vor ihm. Er dachte nicht einmal im Traum daran ihm zu antworten, also konzentrierte er sich darauf ihn weiterhin böse anzufunkeln.

»Ihr seid wohl nicht sehr gesprächig!«, lachte der Mann und drehte sich um.

»Und ihr scheint nicht zu wissen wer ich bin!«

»Der Bürgermeister«, stöhnte Ebran genervt.

»Oh da kann wohl doch einer reden!«, rief er und drehte sich angeberisch um.

»Ihr seid nicht bei irgendwem eingebrochen. Es ist eine von meinen Villen, ihr verdammten Idioten!«

»Wie viele Villen besitzt du denn? Und wo sind sie? Dann kann ich die auch noch-«

Eine Wache unterbrach Falb und versetzte ihm einen harten Schlag in den Magen. Aus seinem Krümmen und Stöhnen verwandelte der Dieb sofort ein lautes Lachen.

»Ist das alles, was du zu bieten hast?«

Bevor der Mann noch einmal zuschlagen konnte, winkte der Bürgermeister ihn zurück.

»Dass du Mut hast, gebe ich zu. Doch der wird dir noch vergehen«, drohte er ihm.

Bevor er etwas erwidern konnte, zuckte ein stechender und brennender Schmerz durch seine Eingeweide. Mit zusammengebissen Zähnen unterdrückte Falb sich einen Schrei.

Mit schweißnasser Stirn sah er gehetzt an sich herab. Keine Wunde. Verwirrt sah er sich um, alle Wachen und der Bürgermeister standen mindestens einen Schritt von ihm entfernt.

»Nachdem wir das geklärt hätten. Wo ist eure Beute?«

Ebran lachte los, »Der korrupte Bürgermeister will sein Geld zurück!«

Eine weitere Schmerzenswelle jagte durch Falbs Körper. Dieses Mal musste er Aufstöhnen.

»Was macht ihr mit ihm?«, rief Ebran zornig.

Der Bürgermeister starrte Falb stirnrunzelnd an, »Nichts.«

Bilder von seinen Alpträumen jagten durch Falbs Kopf. Nicht nur die, die er schon kannte, auch neue. Er sah in einem Moment eine wunderschöne Frau mit haselnussbraunen Augen. Im nächsten Augenblick sah er sich selbst auf einem Thron sitzen. Er spürte das heftige Pochen seines Herzens, das immer schneller wurde. Jetzt sah er sich selbst vor dutzenden, staubigen Büchern sitzen. Gewaltige Landschaften, die er noch nie im Leben gesehen hatte, entstanden vor seinen Augen.

Der Schmerz steigerte sich zu einer Welle des Leidens und wanderte nun zu seinem Kopf. Falb schrie laut auf und spannte dabei seinen gesamten Körper ein. Die Seile schnitten sich noch tiefer durch seine Hand. Blut sickerte aus seinem Mund, seiner Nase und sogar aus den Augen.

»Verflucht! Was macht ihr mit ihm?! Falb!«, schrie Ebran aufgeregt und ruckelte dabei aufgebracht an seinem Stuhl. Doch so sehr sich sein Freund auch bemühte, er konnte nichts machen und nichts sehen, nur tatenlos dem Geschrei zuhören.

»Bei den Göttern…«, murmelte der Bürgermeister und starrte Falb dabei entsetzt an.

»Er hat Gift genommen!«, mutmaßte eine nicht ganz entsetzte Wache und machte sich daran die Fesseln zu lösen.

Der Bürgermeister unterbrach ihn herrisch. »Tu das nicht! Das ist nur eine Falle!«

Die Bilder vor Falbs Augen wechselten nun so schnell, dass er nichts mehr erkennen konnte. Er spürte, wie er langsam benommen wurde und der Schmerz nachließ. Auf einmal endete der schnelle Wechsel von Landschaften, Personen und Städten. Er sah nun abermals das stoppelige Gesicht aus seinen Alpträumen. Falb sah Maldor. Und jetzt spürte er es. Den Stich in seiner Brust, er sah sogar das Blut aus seinem Hemd heraussickern. Mehr vor Verzweiflung und Wut, als vor Schmerz, fing er abermals an laut zu schreien.

 

 

Sini musste am Boden kauern, da sie sonst umgefallen wäre. Alles wackelte und bebte. Bücher fielen aus den Regalen heraus, Teller fielen klirrend herunter und gingen zu Bruch. Sogar die Stühle fielen um.

Plötzlich endete das Beben, es war jedoch noch nicht vorbei. Gleichzeitig entstand vor ihr ein grelles und grünes Leuchten. Das Licht war so hell, dass sie sich die Hände vor die Augen halten musste.

Nachdem es langsam wieder dunkler wurde, wagte Sini es die Augen blinzelnd zu öffnen. Was sie nun sah, ließ ihr Herz stocken. Falb stand blutüberströmt vor ihr. Nicht nur sein Hemd war voll damit, auch sein komplettes Gesicht war rot. Das war jedoch nicht das am meisten verstörende im Gesamtbild. Aus seinen Augenhöhlen schien etwas grün heraus zu schimmern. Es war wie ein Leuchten.

»Falb!«, rief sie zum einen aufgeregt und zum anderen besorgt. Sini folgte ihren Gefühlen und rannte auf ihn zu. Er ließ nur ein Seufzen los und machte dabei eine merkwürdige Handbewegung.

Auf einmal war er wieder verschwunden. Sini rannte ins Leere, verwirrt sah sie sich um. Abgesehen von den Runen auf dem Boden und ihrer teilweise umgekippten Einrichtung, war alles leer.

Pure Verzweiflung stieg in ihr auf. Sie spürte, wie ihr Tränen die Wange herab liefen. Ihre Beine ließen nach und sie fiel zitternd und schluchzend zu Boden. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn oder ihren Verstand nun endgültig verloren hatte.

 

 

Die komplette Stadt lag in Trümmern. Dutzende von Türmen und Häusern waren eingestürzt. Die Gebäude, die noch standen, waren so marode und verfallen, dass sie auch jeden Moment in sich selbst zusammenfallen konnten.

Überall haftete Staub und unzählig viele Tiere huschten durch die Schatten. Anscheinend war die ehemalige Hauptstadt schon vor sehr langer Zeit verlassen worden.

Hinter ihm ging gerade die Sonne unter. Dadurch färbten sich die Trümmer blutrot und noch mehr Trauer, Entsetzen und Zorn gingen durch sein Innerstes. Sein Schatten fiel auf seine eigene zerstörte Statue. Der Kopf und sämtliche Gliedmaßen waren abgerissen worden.

Verzweifelt sank er auf die Knie und starrte seine ehemalige Heimat an. Sein Zorn besiegte die Trauer und wütend schrie er auf. Sein Name war nicht Falb, sondern Falbyr.

Er war kein Dieb und der korrupte Kontinent war nicht seine Heimat. Das war einst seine Heimat gewesen und er war ein Magier. Einer der mächtigsten, die je gelebt hatten.

Maldor würde für das bezahlen, was er verbrochen hatte. Zitternd stand Falbyr auf. Doch zuerst musste er etwas anderes erledigen. Entschlossen und von purer Wut angetrieben, wendete er seiner Stadt den Rücken zu. Humpelnd ging er den Weg zurück, den er erst zuvor zurückgelegt hatte.

Kapitel 2

Der Regen prasselte unaufhörlich vom Himmel herab. Ebran konnte es zwar nicht sehen, aber hören. Er war immer noch an den Stuhl gefesselt. Falb war einfach verschwunden, es hatte ein helles grünes Licht gegeben und dann war er weg gewesen. Jetzt war Ebran auf sich selbst angewiesen.

Nervös nestelte er an den Fesseln herum, seine schweißnassen Finger rutschen immer wieder von dem festen Knoten ab. Trotzdem versuchte er es weiter, schließlich war es besser als nichts zu tun.

»Wo ist er hin?«, donnerte der Bürgermeister wütend und funkelte Ebran dabei an.

»Ich weiß es nicht«, antwortete er ihm abermals.

Ebran beobachtete, wie eine breite Ader wild auf der Stirn des Mannes pochte. Sogar sein linkes Auge fing an leicht zu zucken.

»Was war das für ein Hexenwerk?!«, schrie er so aufgebracht, dass einzelne Tropfen Speichel aus seinem Mund flogen.

Nachdem Ebran nicht antwortete, schlug ihm der Bürgermeister mit voller Wucht in sein Gesicht.

»Antworte deinem Herrscher!«

Ebran fing lauthals an zu lachen und spuckte dem Kerl daraufhin einen Blutklumpen vor die Füße.

»Du bist nur ein Bürgermeister. Und das Amt hast du dir nur mit Lügen, Verschwörungen und Glück erarbeitet.«

Er schlug noch einmal zu, dieses Mal fester.

»Muss ich dir den Respekt etwa einprügeln?!«, schrie er dabei.

Ebran kippte geschwächt mit dem Kopf nach hinten und gab das mit den Fesseln auf. Er war verloren.

»Ich sehe schon. Bei dir ist es ohnehin schon zu spät, Dieb«, knurrte er und zog ihn dabei an den Haaren hoch, damit er ihn ansah.

»Die Beute habt ihr beiden vermutlich eh schon für Wein und Huren verpulvert und deinen Freund finden wir auch noch. Das macht dich nutzlos für mich.«

Er ließ ihn wieder los und ging auf die Treppe zu.

»Tötet ihn und verbuddelt irgendwo die Leiche, bevor die Sonne wieder aufgeht. Dann sucht in der ganzen verfluchten Stadt nach dem anderen Kerl. Ich will ihn und es ist mir egal, ob er sich nur als Kadaver einfangen lässt!«

Ebran beobachtete, wie der Bürgermeister mit zitternden Händen die einzelnen Stufen hinaufging. Er drehte sich nicht einmal mehr um, sondern verschwand einfach.

Seine Wut verschwand als er bemerkte, dass die Wache mit ihrer Armbrust auf seine Brust zielte. Ebran schloss seine Augen und machte sich bereit. Er nahm einen letzten tiefen Atemzug.

Plötzlich hörte er etwas donnern. Es war kein Gewitter, der Krach war direkt vor ihm. Er sah das erschrockene Gesicht der Wache und dann flog der Bolzen auf ihn zu. Aus purer Angst, hatte er die Armbrust einfach abgeschossen.

Doch der Bolzen blieb direkt vor seiner Brust in der Luft schweben. Im nächsten Moment spürte Ebran einen gewaltigen Druck im Rücken. Es war wie ein mächtiger Impuls, der hinter ihm begann und durch den kompletten Keller fegte. Der Bolzen flog direkt zu der Wache zurück und bohrte sich in das Gesicht des überrumpelten Mannes. Im gleichen Moment wurde er brutal nach hinten geschleudert. Jedoch nicht nur er alleine, alles im Zimmer wurde umgeworfen. Sogar die schweren Fässer kippten um.

Ebran hörte währenddessen aufgeregtes Geschrei hinter ihm. Dann ertönten dumpfe Aufschläge, daraufhin hörte er nur noch Winseln und Stöhnen. Vor ihm tauchte ein nur zu bekanntes Gesicht auf.

Falb sah ihn mit unergründlicher Miene an und packte ihn an den Schultern. Ein kräftiger Ruck ging durch Ebrans Körper, wodurch er seine Augen kurz schließen musste. Als er sie wieder öffnete, saß er in einem anderen Raum.

Ein paar Kerzen waren aufgestellt worden, der Boden war mit irgendwelchen fremden Schriftzeichen vollgeschmiert worden und mehrere Möbel waren umgeworfen worden.

»Falb!«, hörte eine ebenfalls bekannte Frauenstimme rufen.

Sein Freund machte einen zittrigen Schritt und dann fiel er um. Sini eilte zu ihm und hielt seinen Kopf. Falbs Augenlider flatterten angestrengt.

Unter Anstrengung keuchte er: »Mein Name ist Falbyr.«

Dann verlor er vollkommen sein Bewusstsein. Sini schrie aufgeregt seinen Namen und schüttelte ihn.

Ebran ließ ein Räuspern entweichen, um auf sich aufmerksam zu machen.

»Lass dem Mann doch ein wenig Erholung.«

Sie funkelte ihn nur an. Er kannte den Gesichtsausdruck, er sagte mehr als Worte sagen konnten.

Trotzdem winkte Ebran mit seinen Händen. »Du könntest mich wenigstens losbinden.«

 

 

Mit einem boshaften und aggressiven Gesichtsausdruck schritt er durch die dunklen Korridore seiner Residenz. Die Sonne war schon vor Stunden untergegangen und kaum jemand lief ihm über den Weg. Falls ihn aber doch jemand sah, verbeugte sich die Person sofort vor ihm.

Äußerlich ignorierte er sie einfach, als ob sie nur Ungeziefer für ihn wären. Doch in Wahrheit bestand er darauf, dass sie ihm Respekt zeigen, wie es einem gottesgleichen Herrscher gebührte.

Langsam bemerkte er, dass Müdigkeit in ihm aufstieg. Er hasste die Tatsache, dass auch er sich einmal täglich zu Bett legen musste. Sein Vorgänger hatte nie schlafen müssen und trotzdem war er ein erbärmlicher Schwächling gewesen. Seine Schwächen hatte er sich zu Nutzen gemacht und weil er stärker war, stand er hier.

Jeder Gang durch den er lief glich den anderen. Sie waren mit einfachen Ziegeln gebaut worden, gelegentlich gab es ein ovales und glasloses Fenster und diverse Fackeln hingen an den Wänden, die durch den hereinkommenden Luftzug immer wieder flackerten. Der Boden war ebenso trist gehalten worden, in seiner eigenen Behausung legte er nicht so viel Wert auf Pomp und Angebereien.

Endlich erreichte er das Ende vom Gang. Mit einer Fingerbewegung ließ er die Tür von alleine aufgehen und trat dann ein. Hier sah es fast genauso aus, wie in den Gängen. Abgesehen davon, dass es hier wenigstens ein wenig eingerichtet war.

Am anderen Ende des Zimmers war ein ungemachtes Bett. Links davon befand sich ein größeres Fenster, dieses war sogar mit Glas versehen. Er mochte es nicht, wenn es in seinem Zimmer kalt war. Mehrere Regale mit uralten Büchern verzierten, neben diversen Schwertern, Wandteppichen und Bildern von ihm selbst, die Wände.

In der Mitte des Zimmers befand sich ein Tisch mit nur einem Stuhl. Auf dem Tisch selbst war eine erloschene Kerze, mehre Blätter aus Pergamentpapier, eine Feder mit einem Tintenfass und eine Schüssel mit einer undefinierbaren Flüssigkeit.

Mit einem Fingerschnippen seinerseits entzündete sich die Kerze und brachte so nur spärlich Licht in das dunkle Zimmer. Er setzte sich auf den Stuhl und zog diesen dabei näher an den Holztisch heran. Er musste noch eine Sache erledigen, bevor er sich zur Ruhe legen würde.

Während er beide Hände auf den Rand der Bronzeschüssel legte, krümmte er seinen Rücken und sah hinein. Damals hätte er noch einen Zauberspruch aufsagen müssen, doch dank seiner gewonnen Erfahrung musste er sich nur noch konzentrieren.

Die Flüssigkeit in der Schale fing an sich zu bewegen, kleine Bläschen stiegen auf. Es fing immer mehr zu blubbern an und die Blasen wurden größer. Daraufhin drehte sich der Inhalt, als würde man es umrühren. Es wurde immer schneller, bis es ein Strudel wurde. Mehrere Lichtpünktchen stiegen, von der klarer werdenden Flüssigkeit, auf.

Die Bewegungen verebbten und vor ihm entstand ein Bild. Er starrte gegen einen leeren und aufgeräumten Schreibtisch. Zu seiner Verwunderung war niemand da.

»Remy?«, fragte er in die Leere.

Es kam keine Antwort.

»Remy, wo bist du verflucht?!«, rief er.

Jetzt hörte er ein verzerrtes Fluchen. Eine Übertragung von dieser Entfernung war immer schwer aufzubauen, so kam es öfter einmal vor, dass die Stimme des Gegenübers hallte oder gar nicht zu hören war. Letzteres passierte ihm nie.

Vor ihm tauchte ein Mann auf. Man sah ihm an, dass er gestresst wirkte und bereits die besten Jahre seines Lebens hinter ihm lagen. Der Wohlstand hatte sein breites Gesicht, sowie den Körperbau, geformt. Die meisten Haare hatte er bereits verloren und die übrig geblieben waren dunkelbraun oder ergraut. Mit einem Kinnbärtchen versuchte er sogar noch elegant und modisch zu wirken.

»Habt ihr ihn geschickt?!«, fragte der Mann mit hallender Stimme.

Er war verwirrt. »Wen?«

»Hier war einer der so ist wie Ihr, Herr Maldor«, japste der Bürgermeister.

»So ist wie ich?« Er verstand ihn immer noch nicht.

»Ein Zauberer! Er wollte mein Haus ausrauben und wir haben ihn gefangen genommen. Dann hat er einen Anfall oder so etwas gekriegt und ist verschwunden. Kurz darauf ist er wieder hergekommen und hat sieben meiner besten Männer erledigt!«, rief er aufgebracht.

Maldor runzelte mit der Stirn, das war unmöglich. Niemand konnte zu dem anderen Kontinent reisen.

»Das ist interessant«, bemerkte er geistesabwesend.

Der Bürgermeister redete weiter, aber Maldor hörte ihm nicht mehr zu. Irgendjemand hatte es geschafft, sich zu dem anderen Kontinent zu teleportieren. Der einzige den er kannte, der das geschafft hatte, war tot. Und seine Grimoires waren seit fast einem Jahrtausend verschollen. Maldor dachte sofort an Verrat. Jemand aus seinem Gefolge muss das Zauberbuch gefunden haben und zu dem anderen Kontinent geflüchtet sein.

»Ich will, dass ihr diesen Kerl findet!«, unterbrach Maldor den Bürgermeister polternd.

»Und zwar lebendig!«, fügte er rasch hinzu.

»Aber…«

»Kein aber, Bürgermeister!«, schrie er zornig in die Schale.

»Ich will den Kerl lebendig!«

Mit einer energischen Handbewegung wischte er so stark durch die Schale, dass ein paar Tropfen der Flüssigkeit durch sein gesamtes Zimmer flogen. Er hatte die Verbindung einfach getrennt.

Wütend stand er auf und schritt ungeduldig durch den Raum. Jetzt würde er sicher nicht mehr schlafen können.

 

 

Eine wunderschöne Frau mit Haselnussbraunen Haaren beugte sich über ihn und küsste ihn. Dann verschwamm sie langsam, bis sie wieder verschwand. Sie war weg und er war traurig. Er dachte stumm an ihren Namen. Naidara. Die Sehnsucht packte ihn. Wo war sie? Plötzlich wachte er mit einem Ruck durch seinen Körper auf.

Blinzelnd öffnete Falbyr seine Augen. Die Helligkeit der Sonne blendete ihn und es schmerzte. Benommen richtete er sich auf und versuchte sich zu orientieren. Er kannte das Zimmer, er war bei Sini.

Langsam kamen die Erinnerungen wieder hoch. Er war letzte Nacht mit Ebran in eine Villa eingebrochen. Sie waren erwischt worden und dann war es passiert. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er die Runen am Boden sah. Ausgerechnet hier, in dem rückständigen Kontinent, war er wiedergeboren worden.

Falbyr versuchte aufzustehen, schaffte es jedoch nicht. Er war immer noch zu schwach. Die Teleportationen hatten ihm das letzte Fünkchen Energie gekostet.

»Er ist wach!«, hörte er eine bekannte Stimme rufen.

Sini und Ebran kamen herein und schauten ihn besorgt an.

»Was war das letzte Nacht?!«, fragte Ebran aufgeregt.

»Das ist eine lange Geschichte«, seufzte er und hoffte inbrünstig, dass sie ihn in Ruhe lassen würden.

Auf diesem Kontinent war die Magie unbekannt. Sie würden es einfach nicht verstehen.

»Du bist mir…«

Ebran blickte kurz zu Sini.

»Uns beiden… eine Erklärung schuldig, Falb!«

»Oder sollten wir besser Falbyr sagen?«, fragte ihn Sini mit einer hochgezogenen Augenbraue.

»In Ordnung. Ich bin ein tausend Jahre alter Magier, der als Unwissender wiedergeboren wurde, nachdem er hinterrücks ermordet wurde. Und jetzt erinnere ich mich wieder an alles und muss ein Königreich retten. Entschuldigt mich bitte«, erklärte er ihnen ruhig und stand dabei auf.

Er humpelte ein paar Schritte, dann verloren seine Beine wieder die Kraft. Sini fing ihn geistesgegenwärtig auf und setzte ihn zurück auf das Bett.

»Ein Magier also«, sagte sie mit einer Stimme, die man aufsetzte wenn man mit einem Kind redete und fühlte dabei seine Stirn.

»Kein Fieber.«

»Ist das dein Ernst, Sini? Du machst einen Zauber, der mich wieder dazu bringt, dass ich mich an mein damaliges Leben erinnere und dann glaubst du mir nicht, dass es Magie gibt?«

»Du hast was?«, fragte Ebran verblüfft.

»Ich… ähm«, stotterte sie.

»Oder was glaubt ihr beiden, was das letzte Nacht war?«

Sie starrten ihn ungläubig an. Sini erholte sich als Erste wieder. »Aber wie kann das sein und das ist doch unmöglich!«

Falbyr ließ ein Seufzen los.

»Du hast es doch selbst gesehen.«

»In Ordnung, wenn es das wirklich gibt, so etwas wie Zauberer und Hexen, warum weiß dann keiner davon?«

»Euer Kontinent ist für uns so gut wie unerreichbar. Ich hatte es geschafft mich über diese weite Entfernung zu teleportieren, aber das war vor fast tausend Jahren. Damals hatten die Menschen hier gerade mal das Feuer entdeckt. Sie hielten mich für eine Art Gott. In Folge dessen war ich der Meinung, dass ich den Kontinent erst wieder besuche, wenn die Bevölkerung fortgeschrittener und aufgeklärter ist. Wie man sich zu euch teleportieren kann, hielt ich geheim und meine Grimoires hatte ich alle versteckt.«

»Wie alt bist du?«, fragte ihn Sini erstaunt, die ihm anscheinend glaubte.

»Sehr alt.«

»Du meintest, dass du ermordet wurdest. Aber du wurdest wiedergeboren, was hat das zu bedeuten?«

»Maldor, ein Magier der durch seine Gier immer mächtiger werden wollte, hat mich in einen Hinterhalt gelockt. Irgendjemand muss, kurz bevor ich gestorben bin, noch einen letzten Rettungszauber auf mich gewirkt haben. Der wohl schief gelaufen ist.«

Falbyr wurde langsam ungeduldig. Er musste in seine eigene Welt zurückkehren. So viel Zeit war mittlerweile verstrichen. Er wollte sich gar nicht vorstellen was Maldor alles angerichtet hatte und dann war da noch Naidara, seine Frau. Bei den Gedanken an sie wurde er noch ungeduldiger. Er wusste nicht, was mit ihr passiert war. Und jetzt konnte er nur hier rumsitzen und warten bis sein Energiereservoir wieder aufgeladen war. Seine Kräfte waren so gering. Es würde viel Arbeit und Zeit benötigen, bis er wieder so stark sein würde wie damals.

»Das ist viel zu verarbeiten, Falb«, brummte Ebran.

»Falbyr«, verbesserte er ihn sofort.

»Auf dem anderen Kontinent, ist da jeder ein Magier?«, fragte Sini.

Er betrachtete ihre schwarzen Haare und das liebreizende Gesicht. Er empfand immer noch etwas für sie. Obwohl er sich an Naidara erinnerte und die ganze Zeit an sie denken musste.

Verwirrt räusperte Falbyr sich.

»Nein. Man wird so geboren. Einige können zaubern, aber die meisten haben keine Fähigkeiten. Und von denen, die ein Talent besitzen, wissen ebenfalls nur wenige, dass sie es haben. Es sind Unwissende, so wie du«, erklärte er geistesabwesend.

Seine Kräfte kehrten langsam zurück, aber es würde trotzdem noch eine Weile dauern, bis er sich zurück teleportieren konnte. Die weite Entfernung kostete einfach zu viel Energie.

»Ich bin eine Zauberin?«, fragte sie aufgeregt.

»Du hast das Ritual geschafft, also hast du ein Talent, ja.«

»Sobald du dich ausgeruht hast, wirst du wieder zurückkehren«, folgerte Ebran.

Falbyr zögerte kurz.

»Ja.«

Sein Freund schüttelte den Kopf und stürmte aus dem Haus. Sini wollte ihm nachlaufen, aber er hielt sie fest.

»Lass ihn. Es ist viel zu verarbeiten.«

»Er soll sich nicht so anstellen, ich schaffe es doch auch!«

Falbyr lächelte, »Du hast dich auch schon dein Leben lang mit dem Okkulten beschäftigt. Du hast dir immer gewünscht, dass es real wäre.«

Die Straßen der Stadt waren gepflastert und glänzten nass in der Sonne. Bis zu den frühen Morgenstunden hatte der Regen nicht nachgelassen, jetzt verzogen sich die düsteren Wolken und es wurde wieder heller.

Ezra lehnte sich an die raue Hausmauer einer Seitengasse. Er war im Schatten und kaum zu erkennen, dennoch hatte er alles im Blickfeld. Letzte Nacht hatte ihn der Bürgermeister gerufen, er sollte jemanden finden und zu ihm bringen.

Ungeduldig blickte er zum Himmel, die Sonne stand schon fast im Zenit und er wartete hier schon seit Sonnenaufgang. Viele bezeichneten ihn als Kopfgeldjäger oder Meuchelmörder, doch Ezra gefielen diese Namen nicht. Er verstand sich mehr, als der Mann den man rief, wenn etwas erledigt werden sollte, was andere nicht tun konnten.

Jedoch wunderte er sich, warum für einen Dieb so viel Aufwand gemacht wurde. Nachdem es jedoch zu seiner Arbeit gehörte, dass er keine Fragen stellte, hatte er das auch nicht getan.

Ezra war zu aller Erst der Spur von gestohlenem Silber und Gold gefolgt. Nach ein paar Bedrohungen hatte man ihm gesagt, wo die ehemalige Freundin des Diebes wohnt.

Nun wartete er hier seit einer gefühlten Ewigkeit. Gerade als er weg gehen wollte, sah er jemanden das Haus verlassen. Die Beschreibung passte, aber nicht zu dem den er eigentlich suchte. Halblange braune Haare und lumpige Kleidung. Der Mann lief aufgebracht und zielstrebig weg.

Ezra musste sich entscheiden. Einer neuen Fährte folgen oder bei seinem Plan bleiben. Seine Entscheidung dauerte nicht lang, die Zeit des Wartens war vorüber. Er ging aus dem Schatten heraus und zog dabei seine Kapuze ein Stück tiefer.

 

 

Falbyr hatte sich mittlerweile wieder erholt und konnte schon wieder normal gehen. Zusammen mit Sini saß er an einem runden Holztisch und aß dabei ein Brot mit einer Suppe. Schmunzelnd stellte er fest, dass sich ihre Kochkünste immer noch nicht verbessert hatten.

»Warum grinst du so?«, fragte sie ihn.

»Es ist nichts.«

Jetzt fing sie auch an zu lächeln und stupste ihn. »Sag schon!«

»Es erinnert mich nur an unsere erste Verabredung. Wer hätte gedacht, dass wir noch mal zusammen an einem Tisch sitzen und essen?«

Sini legte ihren Kopf in die Hand und sah ihm tief in die Augen.

»Warum hast du eigentlich dieses Ritual gemacht?«, lenkte er das Thema ab.

»Ich ähm…«

»Ja?«

»Also ich hatte mir Sorgen um dich gemacht. Ich meine du hast dich stark verändert und bist mit Ebran immer öfter irgendwo eingebrochen. So bist du nicht, du bist kein Krimineller, Falbyr.«

Die letzte Silbe hatte sie erst nach kurzem Zögern hinzugefügt.

»Nun ja, ich bin dir zu Dank verpflichtet. Ohne dich hätte ich mich nie daran erinnert, wer ich eigentlich bin und ich könnte nie in meine wirkliche Heimat zurückkehren.«

Sinis Mundwinkel klappten sichtlich nach unten und ihr Blick wurde von einem fröhlichen zu einem traurigen.

»Was ist los?«

»Ich…«

Bevor sie ihren Satz beenden konnte, krachte die Eingangstür mit einem gewaltigen Scheppern auf. Im gleichen Moment flog das erste Wurfmesser in seine Richtung. Mit einer übermenschlichen Reaktion fing er es im Flug auf. In der gleichen Bewegung stand er auf, drehte sich einmal um seine eigene Achse und warf es kräftig zurück.

Der Angreifer war aber schon weiter, also blieb das Messer wackelnd im Türrahmen stecken. Der Unbekannte rannte auf ihn zu und zog dabei zwei lange Dolche. Falbyr packte den Stuhl, auf dem er gerade noch gesessen war, und wehrte den ersten Angriff damit ab.

Sein Gegenüber verlor dabei fast das Gleichgewicht und macht einen Ausfallschritt zurück. Falbyr nutzte den Moment und schlug mit seinem Stuhl zu. Er hörte wie die Nase brach und spürte auch das gewaltige Rucken in seinen Armen.

Der Mann krümmte sich vor Schmerzen und schrie auf. Falbyr ließ den Stuhl fallen und sprang zu Sini, die mittlerweile den Schock überwunden hatte und aufgestanden war. Er packte sie am Arm, im nächsten Moment ging ein enormer Impuls durch seine Knochen.

 

 

Er ignorierte seine Schmerzen und richtete sich so schnell wieder auf, wie er konnte. In der gleichen Bewegung setzte Ezra zum Angriff über, der aber ins Leere ging. Verwirrt sah er sich um. Sie waren weg.

Gehetzt trat er den Stuhl zur Seite und suchte den Raum ab. Wütend warf er den Tisch um. Sie waren verschwunden. Er hatte den Drecksack schon fast gehabt und dann löste er sich in Luft auf.

Ohne weiter nach zu denken stürmte er durch die immer noch geöffnete Tür. Im Vorbeigehen zog er das Wurfmesser heraus und steckte es sich wieder unter seinen Ärmel.

Es war ihm noch nie jemand entkommen und das würde heute sicherlich auch nicht passieren. Entschlossen ging er weiter.

 

 

Falbyr drückte Sini leicht gegen die Wand und tat so, als ob er sie küssen würde. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie der Angreifer aus dem Haus trat und in eine andere Richtung weg lief.

Sobald er außer Sicht war, ließ er Sini wieder los. Er bemerkte, wie sie ihn anstarrte und an ihren rabenschwarzen Haarspitzen herumspielte. Auf einmal wurde ihr Blick wieder klarer.

»Was zur Hölle ist hier los?«, fauchte sie ihn an.

»Das war ein Kopfgeldjäger.«

»Ja, aber warum ist hinter uns her?!«, rief sie aufgebracht.

Er nahm sie leicht am Arm und ging mit ihr die Straße entlang.

Etwas leiser versuchte er sie zu beruhigen, »Wir haben letzte Nacht den Bürgermeister ausgeraubt.«

»Ihr habt was?!«

Falbyr sah sich gestresst um. Ein paar neugierige Köpfe hatten sich bereits zu ihnen umgedreht.

»Nicht so laut!«, zischte er gepresst.

»Ich hätte dieses Ritual nie machen sollen! Jetzt sind auch noch Meuchelmörder hinter mir her!«

»Beruhige dich, verflucht!«

Sie funkelte ihn böse an. »Es war Ebrans Idee, nicht wahr?«

»Verdammt!«

»Was?«, fragte sie verwirrt.

»Jetzt sind sie auch hinter ihm her, wir müssen ihn warnen!«

»Der kommt auch alleine zu recht. Was ist mit mir?«

Jetzt war er verwirrt. »Was soll mit dir sein?«

»Sie sind jetzt nicht nur hinter euch, sondern auch hinter mir her! Die ganze Stadt steht unter dem Bürgermeister, er wird mich überall finden können!«

Falbyr fuhr mit seiner Hand nachdenklich durch seine Haare. »Das ist wahr. Wir müssen dich aus der Stadt bringen.«

»Und dann?«

»Dann teleportiere ich mich endlich nach Hause.«

Sie schnaufte wütend. »Mir gefällt dein Plan nicht.«

»Hast du einen besseren?«, fragte er sie leicht gereizt.

Ihr Schweigen bestätigte seine Vermutung, sie wusste auch nicht weiter. So trotteten sie zusammen durch mehrere düstere Seitengassen. Die Hauptstraßen wollten sie vermeiden, da überall Patrouillen umherliefen.

Die meisten Häuser in diesem Stadtteil waren am verkommen. Putz platzte von den Außenwänden, Schimmel breitete sich aus und ein widerwärtiger Geruch hing in der Luft. Er erinnerte an Fisch und Abfall. Die Gestalten, die ihnen entgegen kamen, wurden auch immer zwielichtiger, so dass Sini immer näher an ihn heran rückte. Falbyr nahm ihre warmen und kurvigen Körper wahr und genoss es. Er legte sogar beschützerisch seinen Arm um ihre Schultern.

»Woher hattest du eigentlich das Grimoire?«, fragte Falbyr sie schließlich.

»Von einem Basar. Warum?«

»Es ist eines aus meinem Kontinent. Hatte wie eins von den Hexenmeistern ausgeschaut.«

»Ich dachte du wärst der einzige, der zwischen den Kontinenten reisen kann?«

»Vielleicht hat es noch jemand geschafft, aber Maldor sicher nicht.«

»Was macht dich da so sicher?«

»Hätte er es geschafft, dann würde es hier ganz anders ausschauen. Er würde euch alle zu seinen Sklaven machen. Musstest du etwas für das Ritual opfern?«

»Opfern?« Sie sah ihn verwirrt an.

»Ein Tier, Blut oder so etwas in der Art.«

»Ja mein Blut, aber nicht viel.«

»Interessant.«

»Ist das schlecht?« Die Angst stand ihr deutlich im Gesicht.

»Nein, keine Sorge. Hexenmeister opfern nur immer gerne etwas, das schont ihre magischen Reserven. Oder sie saugen ihren Gegner das Leben aus, so etwas können Magier beispielsweise nicht.«

»Dann bin ich eine Hexe?«

Falbyr lachte, »Nein, durch einen Zauberspruch wird man nicht zu einer Hexe.«

»Man kann sich also entscheiden, ob man ein Hexenmeister oder ein Magier wird?«

Er bewunderte ihre Art, jeder andere wäre weggelaufen aus Furcht vor dem Unbekannten, so wie Ebran.

»Man kann sich nicht wirklich entscheiden, man wird einfach hineingeboren.«

»Aber ich kann wählen?«

»Wie meinst du das?«

Bevor Sini antworten konnte, tauchte eine Patrouille direkt vor ihnen auf. Es waren unweigerlich die Leute vom Bürgermeister, alle trugen ihre dunkelblaue Uniform mit dem Emblem auf der Brust. Gerade als er sich verstecken wollte, rief der Hauptmann etwas und zeigte in ihre Richtung. Die Truppe bestand aus etwa zwanzig Männern und diese kamen zielstrebig mit gezogenen Waffen auf sie zu.

Falbyr drückte Sini mit der einen Hand hinter sich, mit der anderen formte er bereits einen Feuerball. Die Männer in der vordersten Reihe blieben stehen, als sie die glühende Kugel in seiner Hand sahen.

»Ihr kennt die Anweisung von Bürgermeister Remy! Egal was passiert, wir müssen ihn fassen, los!«, schrie der Hauptmann der Truppe, der sich hinter seinen Männern versteckte.

Mit Kampfschreien auf den Lippen rannte die Einheit auf ihn zu. Falbyr fluchte leise und warf den Ball gegen eine Hauswand über den Angreifern. Mit einem ohrenbetäubenden Knall detonierte die Magie und ließ riesige Brocken auf seine Widersacher herabregnen.

Die Luft war schlagartig mit Staub erfüllt und es war kaum etwas zu erkennen. Falbyr warf ein paar weitere Feuerbälle blindlings vorwärts. Er hörte Schreie, Flüche und schmerzerfülltes Stöhnen. Jeder Aufschlag seiner magischen Feuerbälle sorgte für ein kurzes rotes Leuchten und einen gewaltigen Knall.

Er sah ein Schemen aus der dicken Staubschicht herauslaufen. Ein einziger Krieger hatte es geschafft durchzukommen. Falbyr wollte gerade die nächste magische Attacke auf seinen Gegner werfen, aber bemerkte, dass er keine Kräfte mehr besaß. Und das zu spät.

Der Mann bohrte sein Schwert bis zum Anschlag durch seine Brust. Der Schmerz war unbeschreiblich und er merkte wie ihm die Luft ausging. Instinktiv packte er den Mann mit der flachen Hand an der Brust. Verwundert sah er dabei zu, wie sein Arm anfing Orange aufzuleuchten.

Der Mann keuchte und wollte sich losreißen, aber seine Bemühungen blieben erfolglos. Er konnte die Verbindung nicht mehr trennen. Falbyr spürte die Energien, die er gerade aufnahm. Aus dem Keuchen wurde ein schriller Schrei. Er beobachtete, wie der Mann immer blasser im Gesicht wurde und sein Bewusstsein verlor.

Er fiel trotzdem nicht um, sein Rücken krümmte sich und das letzte bisschen Energie wanderte von ihm zu Falbyr. Wie ein schlaffer Sack kippte er schlussendlich um. Ohne eine Miene zu verziehen, zog er das Schwert wieder aus seinem Magen. Zufrieden stellte er fest, dass seine Wunde sofort wieder von alleine heilte.

Mehrere Schemen tauchten nun in der Staubwand auf und kamen auf ihn zu. Falbyr drehte sich um, packte Sini an den Armen, so wie er es erst zuvor getan hatte. Er sah die Angst in ihrem Gesicht, dann schloss er seine Augen und konzentrierte sich. Ein bekannter Impuls wanderte durch seinen Körper, als er seine Augen wieder öffnete, stand er mit Sini auf ruhigen Wiese. Die Sonne strahlte auf ihre Körper und es herrschte einen Totenstille. Er war endlich wieder zu Hause.

Kapitel 3

Es war ein einzelner Funken in einem riesigen Gewirr aus Explosionen und Gewittern. Es war ein Tropfen, der in einen See fiel und dadurch eine kleine Welle auslöste, die sich im nichts auflöste.

Es war ein magischer Impuls, der ihn aus seiner Meditation riss. Schlagartig öffnete Balthazar seine Augen und starrte in die Finsternis. Der Tag aller Tage war nun endlich gekommen. Nach fast eintausend Jahren des Wartens war es endlich passiert.

Nach einer Unendlichkeit von Tyrannei und Unmenschlichkeiten war endlich ein Licht am Ende des Tunnels. Seelenruhig und ohne Hast stand der Hexenmeister auf und wanderte durch die Dunkelheit.

Nachdem er so lange Zeit gewartet hatte, würden die nächsten paar Tage keinen Unterschied mehr machen. Balthazar wusste, dass sein Zauber gewirkt hatte. Auch wenn es Momente gab, in denen er es bezweifelt hatte. Der rechtmäßige König lebte wieder.

Er sah in das Licht und ignorierte die beißenden Schmerzen in seinen Augen. Erleichterten Schrittes verließ er die Dunkelheit und ließ sich vom Licht einhüllen.