Leseprobe: Krieg der Vampire

Erscheinungsdatum: 11. Juni 2015

Genre: Fantasy, Vampire, Dark Fantasy

Seiten: 250

Preis:

2,99

Kurzbeschreibung:

Nach der verheerenden Schlacht um Askuria, kehrt Tabor in seine Heimat zurück. Er hat die weite Wüste überquert, Hunger gelitten und mehrmals dem Tod ins Auge geblickt. Und das alles nur, damit er endlich in sein Vampirkönigreich zurückkehren kann. Doch schon bald muss er feststellen, dass sich seit seiner Abwesenheit sehr viel geändert hat, und das nicht zum Besseren. Die Vampire treten die Gesetze des ersten Vampirs, seine Gesetze, mit Füßen. Sie haben ihm sein Land enteignet und ihn für tot erklärt. Während Tabor seine neuen Feinde mit dem wahren Tod bestraft, plagen ihm zudem noch Alpträume. Er fängt an sich daran zu erinnern, wie er vor über zwei Jahrzehnten Merdor verfolgt hatte und somit alles begann.
Michael Stauner
Krieg der Vampire
Roman

Inhaltsverzeichnis:

Prolog: Edwards wahrer Tod

Kapitel 1: Mi casa es tu casa

Kapitel 2: Der Vampirjäger

Kapitel 3: Erinnerungen

Kapitel 4: Der Turm

Kapitel 5: Thorg

Kapitel 6: Waffenbrüder

Kapitel 7: Die Verwandlung

Kapitel 8: Der verdorbene Pfahl

Kapitel 9: Tagträume

Kapitel 10: Das schwarze Mal

Kapitel 11: Der Halbgott

Kapitel 12: Ein letzter Traum

Kapitel 13: Ungeahnte Kräfte

Kapitel 14: Die Ruhe vor dem Sturm

Kapitel 15: Man hat immer eine Wahl

Epilog: Falbyr

Prolog: Edwards wahrer Tod

Die feinen Sandkörner rieben bei jedem Schritt gegen seine Fußsohlen. Jede Bewegung war die reinste Qual für ihn. Er hatte seine Füße blutig gelaufen und trotzdem humpelte er stur weiter. Es gab nur einen Weg und ein Ziel. Er musste es erreichen. Koste es, was es wolle.

Schon vor Tagen hatte er die Wüste hinter sich gelassen, aber die Landschaft glich immer noch einer tristen Einöde. Tabor konnte nicht einmal sagen, wie lang er schon wanderte und wie oft er sich schon Tagsüber in der Erde vergraben hatte. Das einzige was er wusste war, dass er Hunger hatte und endlich in seine Heimat zurückkehren musste.

Sobald er angekommen war, würde er sofort ein Heer auf die Beine stellen und mit diesem in Askuria einfallen. Das, und allein das, war das Einzige, was ihn die letzten Monate angetrieben hatte.

Tabor rieb sich kurz über seine ausgetrockneten Augenlider und betrachtete den wuchtigen Baum, der auf einmal vor ihm aufgetaucht war. Es war eine pure Anstrengung die Augen geöffnet zu halten. Der Hunger ließ ihn immer müder und schwächer werden.

Humpelnd quälte sich der Vampir weiter vorwärts. Die Tatsache, dass das steinige Ödland nun langsam wich und die ersten Ausläufer eines Waldes auftauchten, ließ Hoffnung in ihm empor steigen. Er war wirklich bald zu Hause.

Plötzlich stach ein zu bekannter Geruch in seine Nase. Tabor spürte, wie sich die Adern in seinem Gesicht hervor drückten und seine Fangzähne wuchsen. Müde quälte er sich in die Richtung des Geruchs.

Während er sich zu dem nächsten Baum schleppte, dachte er daran, wie schnell er wäre, wenn er seine volle Stärke hätte. Es hätte vermutlich nicht einmal einen Herzschlag gedauert, bis er seine Beute erreichen würde.

Endlich angekommen, bückte sich Tabor hinab und betrachtete das kleine, fellige Tier. Er konnte kaum glauben, dass er so etwas tun musste. So tief war in seinem langen Leben noch nie gesunken.

Das Eichhörnchen starrte ihn mit seinen knopfgroßen Kulleraugen an und knabberte dabei an einer Nuss. Tabor atmete einmal tief ein und packte das Tier schließlich am Schwanz. Während er es hoch hob, quietschte und zappelte es panisch. Die angebissene Nuss fiel zeitgleich zu Boden.

Tabors Adern pulsierten nun noch stärker. Er schloss die Augen und biss zu. Das in Panik geratene Tier zappelte nun noch stärker, bis es schließlich erschlaffte. Der Vampir genoss es, wie das Blut seine Kehle hinablief und ihn wieder stärkte. Er saugte noch den letzten Tropfen aus dem Kadaver heraus und warf diesen dann gleichgültig zur Seite.

Er betrachtete seine faltigen, sowie verkrusteten Hände. Sie fingen an sich von selbst zu heilen und zu verjüngen. Sein Blick wanderte in den Nachthimmel und wurde dabei immer klarer. Endlich erkannte er wieder alle Einzelheiten. Die weit entfernten Sterne, dutzende andere Tiere in den Bäumen und auch die einzelnen Blätter, die locker im Wind wehten.

Tabor war zwar immer noch schwach, aber wenigstens hatte er seine Sinne wieder. Er richtete sich wieder auf und hörte seine Rückenwirbel knacksen, als er zum ersten Mal seit so langer Zeit wieder aufrecht stand.

Er fixierte das nächste Tier. Es war ein Vogel, der ein paar Meter über ihm im Baum saß. Tabor schloss seine Augen und konzentrierte sich auf den ruhigen Herzschlag seiner Beute. Gerade als er den Baum empor klettern wollte, hörte er etwas.

Es war ein Geräusch, welches nicht zu einem Wald passte. Tabor drehte sich in die Richtung und bemerkte die beiden Stimmen. Er roch nun auch das Menschenblut. Lächelnd folgte er seiner neuen Beute. Im Gegensatz zu dem Blut eines Menschen, war das eines Tieres minderwertig.

So leise wie möglich huschte der Vampir über den erdigen und mit Laub übersäten Waldboden.

»… und dass du damals den anderen mir vorgezogen hast. Es hatte mich wirklich verletzt und ich war wütend… so wütend. Der einzige Grund, warum ich noch morgens aufgestanden bin, war die Lust nach Rache. Aber ich wusste immer, dass es nur Zufall und Pech war. Deswegen kann ich dir dafür nicht die Schuld geben«, sagte die männliche Stimme.

Tabor war bereits nah genug heran, um die beiden zu sehen. Sie hatten ihm den Rücken zugedreht und glücklicherweise nicht bemerkt. Der Mann wirkte schlaksig und hatte mittellange Haare, die er nach oben frisiert hatte.

»Oh, Edward«, stöhnte die Frau.

Sie hatte lange und braune Haare, die über ihren Rücken fielen. Tabor roch, dass sie der Mensch war und der Mann ein Vampir.

»Und das zwischen uns wird nie freundschaftlich sein. Jedes Mal, wenn ich dich sehe, dann schlägt mein Herz schneller und ich verliere mich in deiner Schönheit.«

Tabor überfiel ein starker Würgereiz. Ein Vampir, der eine Menschenfrau liebte. Es war so unnatürlich und widerlich. Schlagartig schossen ihm die Erinnerungen von seinem Sohn in den Kopf. Er hatte ihn und seine Rasse für eine Frau aufgegeben. Eine Menschenfrau.

»Also, willst du die Ewigkeit mit mir verbringen?«, fragte Edward die Frau.

Sie drehte sich um und fuhr mit ihrer Hand über seine Wange.

»Lass mich das noch eine Weile überdenken, in Ordnung?«, entgegnete sie sanft und beugte sich vor.

Tabors rechtes Auge fing an zu zucken. Gleichzeitig traten erneut die Adern in seinem Gesicht hervor.

»Natürlich. Ich will dich zu nichts drängen«, meinte Edward sanft und beugte sich ebenfalls in die Richtung der Frau.

Blitzschnell packte Tabor einen am Boden liegenden Ast und rannte los.

 

 

Kurz bevor sich ihre Lippen berührten, hörte er ein lautes Knacksen und Schritte, die auf ihn zukamen. Edward sprang instinktiv in die Höhe und hielt den Arm des Fremden auf.

Der fremde Vampir schnaufte verächtlich und augenblicklich zuckte sein Kopf hervor. Die Kopfnuss traf Edward genau auf seiner Nase und stöhnend schwankte er einen Schritt zurück.

Auf einmal spürte er etwas Hartes gegen seine Beine schlagen und schon lag er mit dem Rücken auf dem Boden. Plötzlich ertönte ein schriller Schrei und im nächsten Moment spürte er ein gewaltiges Stechen in seiner Brust. Er bemerkte, wie sein Körper kalt und schlaff wurde.

Panisch sah er seinem Angreifer in die Augen. Der Vampir grinste ihn diabolisch an und strich mit einem Finger elegant über seine blonden Haare. Er wirkte einerseits vollkommen zerzaust, entkräftet und kaputt, aber dennoch strahlte er eine Aura der Arroganz aus.

»Edward!«, hörte er eine Frauenstimme schreien.

Der blonde Vampir packte sie jedoch, bevor sie den improvisierten Pfahl aus seiner Brust entfernen konnte.

»Du bist eine Schande für jeden Vampir«, fauchte Tabor wütend.

 

 

Er hielt die Frau fest und betrachtete den betäubten Vampir, der ihn nur angsterfüllt anstarrte. Lächelnd biss er in den Hals seines schreienden Opfers und genoss, wie das Blut seine Kehle herab lief. Endlich spürte er, wie seine Stärke wiederkam, sowie den immer langsamer werdenden Puls der Frau.

Berauscht von ihrem Blut warf er die Leiche zur Seite und wischte sich den roten Lebenssaft von seinem Mund. Grinsend bemerkte er, dass eine Träne über Edwards Wange lief.

»Du weinst über einen Menschen?«, fragte Tabor verdutzt.

»Keine Sorge, ich werde dich von deinem Leid erlösen.«

Tabor packte den wehrlosen Vampir und zog ihn brutal in die Höhe. Ohne jegliche Vorwarnung riss er ihm einfach seinen Kopf von den Schultern und warf diesen auf den Boden.

Tabor beachtete nicht einmal mehr das angerichtete Massaker. Er ließ Edwards Leiche, und die der Frau, einfach dort liegen und ging seinen Weg weiter. Schon bald würde er zu Hause sein. Ein Blick zu dem heller werdenden Himmel verriet ihm jedoch, dass er sich noch ein letztes Mal in der Erde vergraben musste, bevor er endlich da war.

Kapitel 1: Mi casa es tu casa

Das magische Blut floss seine Kehle hinab. Nur sehr widerwillig löste Kemar seinen Biss und legte den Arm seines Opfers zur Seite. Berauscht von der fast schon heiligen Flüssigkeit, stand der Vampir auf und betrachtete den angeketteten Magier.

Die schwarzen und verfilzten Haare hingen an den Schultern des Mannes nass herab. Er wirkte abgemagert und hatte dutzende Narben auf seinem Körper. Es sah so aus, als ob jede Verletzung durch einen Biss entstanden wäre.

Erst jetzt bemerkte Kemar das leichte Glimmen in den Augen des Magiers. Es war grün und richtete sich genau auf ihn. Er musste nicht Gedanken lesen können, um zu wissen, dass der Magier ihm abermals den wahren Tod wünschte.

»Meister?«, fragte eine kehlige Stimme hinter ihm.

Kemar drehte sich um und betrachtete einen seiner Vampirleibwächter. Er hatte braune Haare und ein unnatürlich blasses Gesicht. Wie es sich für ein Kind der Nacht gehörte, trug er eine schwarze Metallrüstung, an dessen Waffengürtel ein Schwert baumelte.

»Was ist?«, entgegnete Kemar genervt.

Der Krieger zögerte kurz, dann sprach er weiter.

»Es gab einen weiteren Zwischenfall, Meister.«

Kemar warf dem Magier noch einen letzten Blick zu und bemerkte, dass das Glühen seiner Augen an Intensität gewonnen hatte.

»Wache!«, rief er laut.

In weniger als einem Herzschlag stand bereits ein weiterer schwarz gekleideter Vampir in der engen Zelle.

»Lasst ihn erneut ausbluten. Er kriegt seine Kräfte wieder«, befahl Kemar und verließ den Gefangen.

Während er neben dem ersten Vampirkrieger durch die Gänge wanderte, fragte Kemar ihn: »Wie viele haben sie dieses Mal befreit?«

»Die Zahlen sind noch unbekannt, Meister. Wir müssen warten, bis die Sonne untergeht, dann wissen wir mehr.«

Kemar fuhr sich mit der Hand über seine kurzen Haare.

»Wenn wir weiterhin so viele Menschen verlieren, haben wir bald keine Wächter mehr für den Tag. Geschweige denn genug Nahrung für alle.«

»Tabor hatte es doch auch geschafft, sie zu unterjochen«, meinte die Wache.

Plötzlich packte Kemar den Vampir und warf ihn brutal gegen eine nahe liegende Wand. Im nächsten Moment raste er auf ihn zu, zog ihn hoch und drückte ihn gegen den Mauerputz.

»Willst du damit sagen, dass ich ein schlechter Anführer wäre?!«, schrie Kemar den Krieger wütend an.

Bei beiden Vampiren pressten sich in diesem Augenblick die Adern rings um ihre Augen hervor und pochten dabei. Es sah aus, wie kleine schwarze Linien, die über ihre Gesichter wanderten.

»Nein, Meister«, keuchte der Mann voller Ehrfurcht.

Kemar ließ ihn wieder los und ging weiter.

»Wir können von Glück reden, dass Merdor und Tabor endlich fort sind. Das Königreich gehört jetzt für alle Zeiten uns. Und mit so ein paar dreckigen Menschen werden wir auch fertig. Sobald die Sonne untergangen ist, werden wir auf die Jagd gehen.«

 

 

Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden am Firmament und mit ihnen auch jegliche Helligkeit. Der soeben noch im blutroten Lichtschein erfüllte Wald, wurde schlagartig dunkel. Während die Luft langsam kühler wurde und Eulen anfingen ihre Rufe durch die kommen Nacht zu heulen, geschah noch etwas anderes.

An einer bestimmten, sowie unscheinbaren, Stelle fing der Erdboden an sich zu bewegen. Plötzlich tauchte ein menschlicher Arm auf, der sich in die Höhe streckte. Kurz darauf erschien auch ein Zweiter. Beide gruben sich aus der Erde heraus und drückten sich gegen den Boden.

Es gab einen schnellen Ruck und schon tauchte der Oberkörper eines blonden Mannes auf. Tabor presste sich nun komplett aus der Erde heraus und befreite sich aus seinem improvisierten Grab.

Er versuchte nicht einmal den Dreck von seiner Kleidung abzuschütteln, da es mittlerweile ohnehin gleichgültig war. Seine einst anmutige Stofftunika hing nur noch schlaff herab und war an dutzenden Stellen zerrissen. Seiner Reithose war es nicht anders ergangen. Sein Schwert hatte er irgendwann in der Wüste verloren.

Der Vampir atmete die kühle Luft ein und blickte zu dem, mit Sternen übersäten, Nachthimmel hinauf. Der große weiße Kegel lenkte seinen Blick, sowie seine Gedanken ab. Als er den Mond betrachtete, kamen schlagartig wieder die Bilder der Schlacht hoch. Drei Meter große wolfsähnliche Bestien, mit Reißzähnen die mindestens so lang wie Jagddolche waren, stürzten sich auf seine Brüder und Schwestern.

Die Pranken der Werwölfe waren enorm, genauso ihre Krallen, welche ebenfalls Dolchen glichen. Tabor lief ein allzu menschlicher und eiskalter Schauer über den Rücken. Er schüttelte kurz den Kopf und atmete mehrmals tief ein. Er war hier sicher, es gab keine Werwölfe in diesem Teil der Welt.

Tabor orientiere sich kurz anhand der Position der Sterne und ging dann weiter. Seit so vielen Monden war er schon gereist, und immer wieder hatte er sich gefragt, ob er wirklich zurück nach Askuria wollte. Das Einzige was ihn dort zurücktreiben würde, wäre seine Rache.

Vergeltung für seinen Meister, seinen Erschaffer. Für Merdor. Und für Valeera, seine Vampirtochter. Und für all die anderen Vampire, die hatten sterben müssen. Sie alle waren ebenfalls nur für Merdors Rache an dem Königreich gestorben. Es war wie ein Teufelskreis.

Wie auch bei den dutzenden Malen zuvor, kam Tabor wieder auf den Entschluss, dass Askuria einfach nur eine primitive Provinz war. Sollen die Menschen sich doch an ihrer Freiheit ergötzen. Er könnte einfach hier regieren und sein unsterbliches Leben lang die Freuden der Nacht genießen.

Er hatte sein Leben lang genug gekämpft und getötet. Erst war er ein Kopfgeldjäger gewesen. Schmunzelnd dachte er daran, wie er Merdor verfolgt hatte und dieser ihm schließlich das Geschenk der Unsterblichkeit gegeben hatte. Anschließend hatte er dutzende Kriege gegen Königreiche, sowie Kaiserreiche der Menschen geführt.

Sie hatten den kompletten Kontinent eingenommen und jeder sank vor ihm auf die Knie. Sogar Vampire. Traurig stellte Tabor fest, dass er nur den Kampf kannte und sonst nichts. Er war wohl dazu geboren worden, um zu kämpfen.

Endlich passierte Tabor auch den letzten Baum und ließ den kleinen Wald somit hinter sich. Lächelnd entdeckte er in weiter Ferne Lichter. Wenn er sich nicht irrte, dann war das seine Villa.

Der Vampir legte alle Kraft, die er besaß, in seine Beine und sprintete los. Die Welt rauschte geradezu an ihm vorbei. Dank seinen Vampirkräften war er binnen weniger Herzschläge vor dem Haus.

Nach so langer Zeit war er zurückgekehrt. Mit einem seltenen Gefühl der Freude berührte Tabor leicht die Vasen, die in seinem Garten standen und ging den gepflasterten Weg entlang.

Es hatte sich nichts geändert. Die unzählig vielen zurechtgestutzten Büsche, der kleine Teich, die gewaltige Veranda mit Glasfenstern, aus denen Licht vom Inneren empor schien. Alles war noch so, wie er es in Erinnerung hatte.

Verdrossen betrachtete er das riesige Haus. Es war fast zu schön, um wahr zu sein. Direkt über der Veranda waren noch einmal Balkone. Insgesamt gab es mit dem Erdgeschoss drei Stockwerke und das Dach lief oben spitz zusammen.

Tabor ging lockeren Schrittes den Weg entlang und überquerte die kleine Holzbrücke, welche über den Teich führte. Plötzlich hörte er etwas zischen. Instinktiv versuchte er sich zur Seite zu drehen, jedoch zu spät.

Im nächsten Moment spürte der Vampir ein Stechen in seiner Brust, welches sofort zu einem unerträglichen Brennen wurde. Verwirrt starrte er an sich herab und bemerkte, dass ein Pfeil bis zum Schaft in seinem Torso steckte. Aus diesem stieg langsam Qualm heraus.

Auf einmal ertönte ein weiteres Zischen und diesmal traf es Tabors Bein. Schreiend ging er auf die Knie und suchte nach seinem Angreifer. Trotz seiner geschärften Sinne, konnte er nichts erkennen. Fluchend suchte er hinter dem Brückengeländer nach Schutz und presste sofort seine Hand gegen den Pfeil in seiner Brust. Zitternd drückte er nun gegen das Holzgeschoss, so dass es sich noch tiefer in seine Eingeweide bohrte.

Die Schmerzen waren qualvoll und er bemerkte, dass ihm bereits Blut aus seinem Mund tropfte. Mit einem lauten Schrei presste er das restliche Stück auch noch durch, so dass die Pfeilspitze aus seinem Rücken heraus trat.

Tabor verrenkte seine Arme und brach die Spitze ab. Er spürte das Brennen auf seiner Haut und betrachtete das elendige Ding.

»Silber«, zischte er wütend und warf die Pfeilspitze zur Seite.

Zitternd zog er nun den Schaft aus seiner Brust komplett heraus und brach auch die Spitze des zweiten Pfeils ab. Tabor spürte, dass der Heilprozess endlich einsetzte. Und er hörte auch Schritte, die auf ihn zukamen.

Blitzschnell verließ er den Schutz des Brückengeländers und sprang mehrere Meter über den Teich hinweg. Er hörte ein weiteres Zischen. Dieses Mal fing Tabor jedoch den Pfeil in der Luft, und während seines Sprungs, auf.

Der Vampir landete, sanft wie eine Feder, wieder auf dem Boden und überquerte die letzten paar Meter zu seinem Gegner in weniger als einem Herzschlag. Der Schütze war jedoch auch ein Vampir, was ihn genauso schnell machte.

Während Tabor den aufgefangen Pfeil quer durch den Hals seines Gegners rammte, spießte ihn dieser mit einem Pfahl auf. Schreiend taumelte er ein paar Schritte zurück und starrte den blutigen Keil an. Mit zitternden Händen packte er das Holzstück und zog es wieder aus seinem Körper heraus. Er hatte Glück gehabt, nur ein Stück weiter links und der Angreifer hätte sein Herz getroffen. Wenn ein Vampir gepfählt wurde, war er wie gelähmt. Es wäre sein Untergang gewesen.

Der Bogenschütze kauerte gurgelnd am Boden und versuchte den Silberpfeil wieder zu entfernen. Tabor betrachtete lächelnd die Qualen seines Gegners. Er hatte ihn mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Silber war für Vampire wie eine Säure.

Tabor bückte sich zu ihm herab und nahm dem Vampir sein Schwert ab. Ohne mit der Wimper zu zucken, enthauptete er ihn. Jeder der ihn angriff, hatte nichts anderes, als den wahren Tod verdient.

Der blonde Vampir hielt in der einen Hand den Pfahl und in der anderen das Schwert. Er stand einfach nur da und strengte seine Sinne an. Es waren keine anderen Vampire mehr im Garten. Aber er konnte Geräusche vom Inneren des Hauses hören.

Eleganten Schrittes ging Tabor auf die Haustür zu. Seine geschärften Ohren nahmen aufgebrachte Rufe und hektisches Laufen wahr. Vermutlich waren Menschen in seiner Villa, die von dem Vampir manipuliert worden waren. Mit dem Tod eines Vampirs, verschwand auch die Hypnose in den schwachen Geistern der Menschen.

Seelenruhig öffnete Tabor die Tür und machte einen Schritt vorwärts. Doch er verharrte mitten in der Bewegung und hörte nur einen Lauten Gong, der ihm Tränen in die Augen drückte. Er war mitten gegen eine unsichtbare Barriere gelaufen.

»Was zum…«, fluchte er.

Im gleichen Moment tauchte ein schwer atmender Mensch vor ihm auf, der ihn angsterfüllt anstarrte. Es sah so aus, als ob er aus dem Haus fliehen wollte. Nun stand er vor der nächsten Bestie.

Tabor nutzte die Gelegenheit und fing den Blick des schweißgebadeten Mannes auf.

»Bitte mich herein«, sagte Tabor leise und verführerisch zugleich.

»Komm rein«, säuselte der Mensch, wie in Trance.

Tabor huschte ein Lächeln über sein Gesicht, als er es dieses Mal ohne jegliche Barriere schaffte, sein eigenes Haus zu betreten. Er beendete die Hypnose, indem er einfach wo anders hinsah. Während der Mensch sich wieder fing und seine Flucht fortsetzte, wanderte sein Blick durch die Eingangshalle.

Der Raum war quadratisch errichtet worden und eine Treppe führte in die beiden höher liegenden Stockwerke. Die Stufen gingen rings um den Raum herum und mündeten in jedem Stockwerk in einen Balkon. Der Boden war aus Holz und an den Wänden hingen diverse Bilder und Wandteppiche.

»Wo ist der Mensch hin?!«, hallte eine dunkle Stimme von oben herab.

Tabor ließ einmal sein Schwert kreisen und hielt den Pfahl noch fester. Er roch noch andere Menschen, sowie einige Vampire. Kampfbereit verharrte an dem Ort, wo er war und wartete auf sie. Egal wer erscheinen würde, es war sein Feind.

Irgendjemand hatte den Besitz seines Hauses übernommen. Nur so war es möglich, dass er selbst aus seinem eigenen Heim ausgesperrt wurde. Zudem noch der Bogenschütze aus dem Garten. Tabor wusste nicht was, aber es hatte sich etwas geändert, in der Zeit seiner Abwesenheit.

Endlich tauchte ein Kopf aus dem Balkon des ersten Stockwerks auf. Blitzschnell schleuderte Tabor den Pfahl in Richtung des Vampirs. Ohne überhaupt darauf zu warten, ob er getroffen hatte, sprang er bereits die paar Meter in die Höhe und landete geschickt auf dem Geländer des Balkons.

Zufrieden betrachtete er den gelähmten Vampir, sowie seinen geschockten Gesichtsausdruck. Tabor hatte den braunhaarigen Krieger so hart getroffen, dass dieser einen Schritt zurückgeflogen war und so mit dem Pfahl an der Wand aufgespießt wurde.

Plötzlich hörte er erneute panische Schreie und Kampflärm. Mit Hilfe seiner enormen Vampirgeschwindigkeit raste Tabor durch das Haus und folgte den Geräuschen.

Binnen weniger Herzschläge hatte er den Ort erreicht und betrachtete das Geschehen. Vier Menschensklaven versuchten gerade zu flüchten, während zwei Vampire sie mit ausgefahrenen Fangzähnen und hervorstehenden Adern verfolgten. Etwas Abseits lieferte sich eine braunhaarige Frau einen Zweikampf mit einem Vampir. Der schwarzhaarige Krieger war nicht nur körperlich überlegen, er hatte im Gegensatz zu ihr auch ein Schwert. Jedoch verteidigte sie sich sehr geschickt mit einem Schürhaken.

Tabor nutzte die Ablenkung und raste vorwärts. Sofort ging er auf die beiden Vampire los, welche die Menschen verfolgten. Bevor sie ihn auch nur bemerkten, köpfte er bereits den Ersten. In einer fließenden Bewegung riss Tabor das Schwert herum und hieb es auf den zweiten Vampir.

Es prallte jedoch ab und ein lautes klirrendes Geräusch ertönte. Sein Gegner hatte reagiert und in letzter Sekunde den Angriff mit seinem eigenen Schwert pariert. Der Vampir fauchte ihn wütend an und trat gegen seinen Bauch.

Tabor wurde durch die Wucht mehrere Meter weit zurückgeschleudert und landete hart auf dem Holzboden. Im nächsten Moment war der Vampir jedoch schon über ihm und ließ sein Schwert auf Tabors Hals herabsausen.

In letzter Sekunde drehte er sich zur Seite und spürte ein heftiges Ziehen auf seiner Backe. Sofort sprang Tabor auf und hieb nach seinem Gegner. Erneut klirrte Stahl aufeinander. Jeder seiner Hiebe wurde pariert. Wütend machte Tabor einen Satz nach vorne und warf den Vampir so gegen die nächste Wand.

Im nächsten Moment warf Tabor sein Schwert nach dem Gegner. Es schnitt sich brutal in den Magen des Vampirs und spießte ihn so an der Wand auf. In Strömen fließendes Blut, aus dem Bauch seines Gegners und seinem Mund, besudelte Tabors Wohnzimmerboden. Wütend ging er auf den Vampir zu und grub seine Hand in den Brustkorb des Kriegers.

Der Vampir wollte etwas sagen, doch es kamen nur noch gurgelnde Geräusche hervor. Tabor packte sein Herz. Er konnte spüren, wie es in seiner Hand pulsierte. Dann, ohne jegliches Erbarmen, riss er es einfach aus dem Leib des Vampirs heraus.

Der Blick seines Feindes wurde daraufhin glasig und leer. Der Körper erschlaffte ebenfalls.

Angewidert warf Tabor das vor Blut triefende Organ zur Seite und beobachte, wie die Menschenfrau immer mehr vor ihrem Feind zurückwich. Wie eine Wilde duckte sie sich, stach zu und hechtete zur Seite. Das ganze machte sie so schnell, dass ihre braunen Haare in der Luft hin und her wehten.

Tabor konnte zwar ihr Gesicht nicht erkennen, aber ihren athletischen Körper und die Tatsache, dass sie ihren Feind in eine bestimmte Richtung lockte. Amüsiert verschränkte er die Arme und sah dabei zu, wie sich die beiden Kämpfenden immer mehr dem Kamin näherten.

Als Vampir wusste er genau, dass ihr Gegner ebenfalls nur mit ihr spielte. Er hätte sie schneller entwaffnen können, als sie zu blinzeln. Schlagartig ließ die Frau sich fallen, rollte sich dabei Richtung Kamin ab, rammte ihren Schürhaken in die Flammen und schlug ihn in die Richtung des Vampirs.

Mehrere glühende Kohle-, sowie Holzstücke hagelten in das Gesicht des Vampirs. Laut schreiend ließ er sein Schwert fallen und ging kniend zu Boden, während er sich die Hände vor sein verstümmeltes Gesicht hielt.

Die Frau rammte dem Vampir den Schürhaken daraufhin in seinen Fuß und spießte diesen auf dem Holzboden auf. Ein weiterer qualvoller Schrei erklang. Im nächsten Moment packte sie das Schwert und ließ es auf den Vampir niederfahren. Auf einmal schnellte seine Hand hervor und hielt die Klinge auf.

Blut tröpfelte zwischen seinen Fingern hervor, als er das Schwert festhielt und der Frau aus der Hand riss. Daraufhin warf er es quer durch den Raum, packte den Schürhaken und zog ihn aus seinem Fuß heraus.

Anschließend schlug er diesen mit voller Wucht gegen die Magengrube der Frau, welche daraufhin rücklings zu Boden ging. Die Brandwunden in seinem Gesicht heilten sich von selbst wieder. Während er auf die Frau zuging, traten seine Fangzähne, sowie die schwarzen Adern in seinem Gesicht, hervor.

Plötzlich sauste er mit seinem Kopf nach unten. Kurz bevor seine Zähne den Hals der Menschenfrau erreichten, flitzte Tabor zu ihm, packte den Vampir am Genick und warf ihn kurzerhand in den Kamin.

So schnell er konnte, hastete der Vampir wieder aus dem Feuer heraus. Jedoch zu spät. Seine komplette Kleidung stand bereits in Flammen und sein Geschrei war markerschütternd. Tabor packte das fallengelassene Schwert und erlöste den Vampir vor seinen Qualen.

Der Kopf fiel ein paar Sekunden vor dem enthaupteten Körper zu Boden. Tabor betrachtete sein verwüstetes und mit Leichen übersätes Wohnzimmer. Bis sein Blick schließlich an der Menschenfrau hängen blieb, die ihn wie gebannt anstarrte.

Die braunen Haare und Augen, die kleine Nase, die relativ schmalen Wangenknochen, welche perfekt geformt waren. Im Großen und Ganzen sah sie schön aus, aber er hatte dieses Gesicht schon einmal gesehen.

In weniger als einer Sekunde packte er sie, zog sie hoch und drückte sie gegen eine Wand.

»Du!«, zischte er dabei wütend.

Kapitel 2: Der Vampirjäger

»Ich?«, fragte die braunhaarige Menschenfrau mit hochgezogener Augenbraue.

»Was machst du hier, Nora?«, entgegnete Tabor kalt und verstärkte den Druck seines Griffs.

»Mein Name ist Myla«, keuchte sie angestrengt hervor.

Tabor sog einmal tief die Luft ein und roch dabei ihr Blut. Es war tatsächlich nicht magisch. Mürrisch ließ er sie los und wandte sich um.

»Wie kann das sein?«, fragte er mehr sich selbst, als Myla.

Der blonde Vampir öffnete eine Vitrine und nahm ein ovales Gefäß heraus. Während er den Staub von der Oberfläche blies, fixierte er noch einmal das identische Gesicht der Frau. In all seinen Jahren hatte er es noch nie erlebt, dass sich zwei Menschen bis auf das kleinste Detail glichen.

»Warum hast du mir geholfen?«, fragte Myla und stieg dabei über die Leiche des enthaupteten Vampirs.

Tabor öffnete das Gefäß und nahm einen kräftigen Schluck. Der süßliche Wein rann seine Kehle herab. Er hatte das Getränk wahrlich vermisst. Er nahm noch einen letzten Zug, schluckte herunter und wischte sich über den Mund, bevor er ihre Frage beantworte.

Lächelnd deutete er auf die toten Vampire.

»Ich dulde keine ungebetenen Gäste in meinem Haus.«

»Wenn das dein Haus ist, dann bist du… Tabor?«

Der blonde Vampir verbeugte sich einmal elegant und antwortete, »Niemand sonst.«

»Es hieß du wärst tot… und größer.«

Tabor nahm in seinem Sessel Platz und betrachtete sie belustigt.

»Ich bin unsterblich, meine Teuerste. Hast du keine Angst vor mir?«

Jetzt war sie es, die lachte, »Ich habe keine Angst vor Vampiren.«

»Solltest du aber. Der da hätte dich fast umgebracht.«

»Ich kann ganz gut auf mich aufpassen.«

Tabor nahm einen weiteren Schluck vom Wein und betrachtete sie argwöhnisch. Irgendetwas war an ihr merkwürdig. Und es war nicht ihr Aussehen. Einfach nur ihre Art. Er war noch nie einem Menschen begegnet, der ihn nicht fürchtete.

»Wer ist Nora?«, fragte sie schließlich und setzte sich dabei auf einen Sessel neben ihn.

»Eine Hexe. Willst du nicht deine Freiheit genießen und aus diesem Haus verschwinden?«

»Ich war nie eine Gefangene. Diese Nora sieht so aus wie ich?«

»Ja sie sieht genauso aus. Warum warst du dann hier, wenn du nicht dazu gezwungen wurdest?«

»Sie dachten, dass sie mich zwingen würden. Ich bin immun gegen eure Hypnose. Frag mich nicht weshalb, es war schon immer so. Warum magst du die Hexe Nora nicht?«

Tabor nahm einen weiteren Zug von seinem Wein und bemerkte langsam die einschläfernde Wirkung. Er wusste nicht, ob es am Getränk oder dem langweiligen Gespräch mit der verrückten Menschenfrau lag.

»Wegen ihr hat sich mein Sohn gegen mich und Merdor gestellt, mit ihm auch meine Tochter«, entgegnete er kühl.

»Du hast meine Frage nicht beantwortet«, brummte Tabor trocken.

»Welche?«

»Warum bist du in einer Vampirvilla, wenn du nicht dazu gezwungen wurdest? Gefällt dir der Reichtum?«

Ihr Blick deutete darauf hin, dass sie seinen Witz nicht lustig fand. Mit ernstem Gesichtsausdruck entgegnete Myla: »Ich wollte die Menschen befreien.«

»Du alleine gegen fünf Vampire?«, lachte er und nippte dabei an seinem Wein.

»Ja«, entgegnete sie und winkte nach dem Gefäß.

Widerwillig reichte er es ihr.

»Wie wolltest du das anstellen?«

Jetzt nahm sie einen kräftigen Schluck des süßen Getränks und wischte sich daraufhin über den Mund.

»Ich hätte bis Sonnenaufgang gewartet.«

»Es gibt hier keine Fenster. Die Villa wurde extra für mich gebaut, damit ich auch Tagsüber durch mein Heim gehen kann.«

»Auch Vampire gehen schlafen«, entgegnete sie lächelnd und reichte ihm wieder den Wein.

»Du hast Geschmack«, gab sie dabei zu.

»Danke. Es ist aber keine edle Sache, jemanden im Schlaf zu meucheln.«

»Es ist auch keine edle Sache, Menschen zu manipulieren, damit sie für einen arbeiten und sie wie Vieh zu behandeln. Sich von ihnen zu nähren und sie aus Belustigungsgründen zu ermorden«, entgegnete Myla gereizt.

»Da gebe ich dir Recht. Aber es ist nötig, dass wir euer Blut trinken. Ohne den Lebenssaft würden wir leiden und eines Tages sterben«, erklärte Tabor ruhig.

»Das ist trotzdem noch kein Grund, um sich Sklaven zu halten.«

»Oh. Sollen wir euch denn ganz nett fragen, ob wir euer Blut trinken dürfen?«, fragte er lachend.

»Das wäre eine Möglichkeit.«

Tabor erhob sich von seinem Sessel und sah Myla direkt in ihre haselnussbraunen Augen.

»Darf ich mich von dir nähren?«

Sie stand nun ebenfalls auf, zog ihre Haare zurück und bot ihm ihren entblößten Nacken an.

Tabor spürte, wie sich seine Adern langsam abzeichneten und seine hervortretenden Fangzähne. Langsam bewegte er seinen Kopf vorwärts und sah ihr dabei in die Augen. Er erkannte keine Furcht, nur Stolz und Entschlossenheit.

Schließlich war er so nah, dass ein Blickkontakt nicht mehr möglich war und er starrte erregt ihre pulsierende Schlagader an. Im nächsten Moment biss er zu. Er versuchte so sanft wie möglich zu sein und genoss das belebende Gefühl, welches ihr Blut in ihm hervor rief.

Myla stöhnte leise, während ihre Hand über seinen Nacken wanderte und sich schließlich an seinen Haaren festhielt. Tabors Arme wanderten über ihren drahtigen Rücken. Abrupt hörte er auf und zog seine Fangzähne wieder aus ihrem Hals heraus.

»So einfach geht das«, meinte Myla schwer atmend.

Er starrte ihr abermals in ihre Augen und wollte etwas sagen, doch er wusste nicht was.

Augenrollend drehte sich der blonde Vampir um und verließ den Raum.

»Die Sonne geht bald auf. Ich lege mich zur Ruhe«, erklärte er dabei.

Myla sagte nichts mehr und so schritt Tabor die Stufen zur Eingangshalle herab. Plötzlich bemerkte er den gepfählten Vampir, der ihn hasserfüllt anstarrte. Tabor hatte ihn vollkommen vergessen.

Binnen weniger Sekunden raste er zu dem gelähmten Feind und packte den Pfahl.

»Ich bin Tabor. Der Erste aller Vampire, General der ersten Vampirlegion und Merdors rechte Hand«, zischte er die Halbwahrheit.

Seine komplette Legion war vernichtet worden und Merdor war ebenfalls gestorben, aber das musste sein Gegenüber nicht wissen.

»Ich will wissen, was hier passiert ist. Warum ich in meinem eigenen Haus angegriffen werde und weshalb ihr Bastarde überhaupt hier seid. Ich werde den Pfahl so weit aus dir kleinen Maden herausziehen, dass es für dich ausreicht, um zu reden. Sobald ich merke, dass du mich anlügst oder etwas anderes machst, was mir nicht gefällt, werde ich töten.«

Mit einem glitschigen Geräusch zog Tabor den Pfahl so weit zurück, dass wieder Farbe in das Gesicht des Vampirs kam.

»Also?«, fragte er kalt.

»Kemar und die restlichen Vampirfürsten haben Euch für Tod erklärt und Eure Länder enteignet«, stöhnte der Vampir.

Tabor bemerkte, wie sein Auge leicht zuckte. Es war eine Unverschämtheit. Auf einmal zog er den Pfahl komplett heraus, nur um ihn ein Stück weiter neben dem Herzen erneut in den Vampir zu rammen. Im nächsten Moment stieß Tabor seine Hand in die Brust seines aufstöhnenden Gegners und riss ihm kurzerhand sein Herz heraus.

Während der Vampir seinen letzten Atemzug tat und sein Gesicht wieder erblasste, fuhr sich Tabor genervt durch seine Haare. Er hätte noch viel mehr Fragen gehabt, aber war einfach zu wütend auf diesen Bastard und die Vampirfürsten. Es war nicht das erste Mal, dass er in den Krieg gezogen war. Und er war schon viel länger weg gewesen. Er hasste diese machthungrigen Kerle.

 

 

Der wilde Galopp ließ ihn auf seinem Pferd auf und ab federn. Hätte er nicht jahrelanges Reittraining gehabt, wäre Kemar vom Sattel gestürzt. Die Hufen des Pferdes gruben sich in den Boden und warfen dabei die Erde zur Seite. Das Maul des Tieres schäumte schon vor der Anstrengung.

Diabolisch lächelnd bemerkte der Vampirfürst, dass er die Menschen eingeholt hatte. Er hörte ihre panischen Schreie, sowie ihr erbärmlicher Versuch vor ihm zu flüchten. Ihr Blut konnte er auch riechen, ebenso ihre Angst.

Zwei kurze Blicke zu seinen Flanken verrieten ihm, dass seine Leibwächter Schritt gehalten hatten. Er konzentrierte sich wieder auf seine Beute und erkannte diese auch langsam. Normale Augen hätten die drei, um ihr Leben rennenden, Menschen nie entdeckt.

Aber seine Augen waren nicht normal, er auch nicht. Kein Vampir war es. Einer der Menschen stürzte und fiel dabei mit dem Gesicht voraus zu Boden. Seine Kameraden blickten nicht einmal zurück, sie liefen einfach weiter durch die Nacht.

Kemar liebte diese Hetzjagden. Mindestens einmal in der Woche hoben sie die Hypnose über ein paar Menschen auf und gewährten diesen die Flucht. Nur um sie danach zu jagen und kaltblütig zu ermorden.

Der gestürzte Mann versuchte gerade aufzustehen, aber Kemar hielt nicht an und führte seinen wilden Ritt fort. Im nächsten Moment prallten die Vorderläufe seines Hengstes gegen den Brustkorb des Menschen, welcher daraufhin zurück auf den Boden flog. Er konnte genau hören, wie sich die Hufe seines Pferdes durch die Eingeweide und Knochen des Mannes bohrten. Teils glitschige und brechende Geräusche ertönten. Es war wie Musik in seinen Ohren.

Einen Herzschlag später hörte er etwas zischen. Plötzlich wurde er brutal aus seinem Sattel gerissen und landete hart auf dem erdigen Boden. Fauchend richtete er sich auf.

Seine Begleiter hatten die Jagd unterbrochen und kamen zu ihm angeritten. Auf einmal stürzte ein weiterer Vampir aus seinem Sattel. Erst jetzt spürte Kemar das Brennen in seiner Seite. Verwirrt starrte er an sich herab und bemerkte einen Pfeil, der aus seiner Taille hervorragte.

»Hinterhalt!«, schrie einer der Vampirkrieger und riss sein Pferd herum.

Schlagartig kippte auch er von seinem Reittier herunter. Kemar versuchte den elendigen Pfeil aus seinem Körper herauszuziehen. Es war jedoch hoffnungslos. Schließlich brach er den Schaft ab und stemmte sich qualvoll in die Höhe.

»Meister!«, rief ein schwarzhaariger Vampir und hielt ihm auffordernd die Hand hin.

Kemar packte sie und im nächsten Moment wurde er schnell auf das Pferd des Kriegers gezogen.

Der Vampir gab dem Ross sofort die Sporen und im Galopp flüchteten sie. Kemar blickte noch einmal zu den verwundeten Vampiren zurück. Einen Angreifer konnte er nicht erkennen.

»Die Sonne geht bald auf Meister, wir mussten flüchten!«, keuchte sein Retter, als er den Blick bemerkte.

Kemar schwieg. Die Leibwächter waren ihm vollkommen egal, sollten sie in der Sonne verbrennen. Ihn interessierte nur, wer es wagte ihn, den verfluchten Vampirfürsten, anzugreifen.

 

 

Cane wartete, bis der Reiter außerhalb seiner Sichtweite war und nahm das Fernrohr von seinem Auge. Seelenruhig verließ er sein Versteck und drückte dabei die Äste des kleinen Busches zur Seite.

Während er auf die beiden verwundeten Vampire zuging, spannte er seine Armbrust. Einer der beiden wollte sich gerade erheben. Cane drückte jedoch den Auslöser seiner Waffe. Es gab ein leises, platzendes Geräusch und der Bolzen bohrte sich in die Magengrube des Vampirs.

Mit einem lauten Schrei ging er wieder zu Boden. Cane ließ seine Armbrust fallen, zog sein Schwert und sprang, so schnell er konnte, zu dem anderen Vampir. Kurz bevor der Stahl auf den Hals seines Gegners traf, drehte sich dieser blitzschnell um und zog seine eigene Waffe zur Parade.

Cane wusste jedoch, dass er das tun würde. So waren Vampire einfach, hinterlistig und feige. Im nächsten Moment rammte er schon einen weiteren versilberten Bolzen in den Schwertarm des Kriegers. Dieser ließ nun seine Waffe vor Schmerzen fallen. Cane schlug erneut zu. Sein Schwert schnitt sich quer durch die Halswirbel des Blutsaugers, bis dieser schließlich geköpft war.

Nun wandte er sich dem anderen Vampir zu, welcher keuchend vor ihm wegkroch.

»Wenn du mich tötest, werden sie dich jagen und foltern«, schrie er aufgebracht.

Cane lächelte nur und ging langsamen Schrittes auf ihn zu. Er bemerkte, dass der Vampir seinen Blick suchte und auch fand.

»Lass deine Waffe fallen«, zischte er verführerisch.

Cane lachte lauthals los, zog seine Halskette aus dem Hemd hoch und ließ sie kurz baumeln.

»Silber«, erklärte er.

Der Vampir fluchte laut.

»Was willst du? Ich kann dir Gold geben, wenn es das ist!«, versuchte er nun zu verhandeln.

Cane blieb vor ihm stehen und hielt ihm die Klinge an den Hals.

»Das Einzige was ich will, ist der Tod deiner Rasse.«

»Wer bist du?«, zischte der Krieger wütend.

»Cane, der Vampirjäger.«

Der Vampir blickte ihn geschockt an. Plötzlich sprang er fauchend auf und raste mit seinen Fangzähnen auf Canes Hals zu. Kurz bevor er sein Ziel erreichte, blieb er zitternd stehen, machte einen Schritt zurück und fiel schließlich zu Boden.

Cane betrachtete belustigt den nun gepfählten Vampir, der ihn mit seinen leeren Augen anstarrte.

»Ich weiß, dass du mich hören kannst«, erklärte er dem Vampir.

»Siehst du das da?«, fragte er und deutete nach rechts.

Der Vampir blickte gehetzt in die Richtung, in weiter Entfernung färbte sich der Himmel langsam orange.

»Es ist bald Tag. Ich werde dich hier einfach liegen lassen. Dann wirst du elendig in der Sonne verbrennen, verfluchter Blutsauger«, meinte Cane und wandte sich von dem ihn anstarrenden Augenpaar ab.

Kapitel 3: Erinnerungen

Er rannte so schnell durch den Wald, dass ihm unzählige Äste in sein Gesicht flogen und sich die Haut aufschürfte. Sein Puls raste wie verrückt und seine Atmung war nur noch hektisch, sowie unregelmäßig.

Er blickte nach oben und bemerkte die aufgehende Sonne, die ihre Lichtstrahlen durch das Blätterdach hindurch scheinen ließ. Die Luft roch immer noch frisch und angenehm. Tau haftete auf den einzelnen Blättern und Grashalmen.

Für einen Moment blieb er stehen und orientiere sich neu. Es war eine fremde Umgebung. Auch wenn es auf den ersten Blick Askuria ähnelte, erkannte er die feinen Unterschiede. Es war kaum merklich wärmer und die Pflanzen sahen auch etwas anders aus.

Endlich entdeckte er ein verlassenes Lager. Das einzige was daran erinnerte, dass jemand hier war, waren Essensreste und die abgebrannten Äste, welche auf einem Scheit zusammengelegt worden waren.

Er entdeckte Fußabdrücke, die weiter in die gleiche Richtung führten. Seit Monden war er schon der gleichen Fährte auf der Jagd. Er atmete tief ein und wieder aus. Die Pause war lang genug gewesen, er durfte den Magier nicht entkommen lassen.

Erneut rannte er los und sprang dabei über Büsche, Hügel, sowie umgefallene Baumstämme. Immer wieder kam in ihm die Frage auf, ob hier auch Menschen lebten. Und ob diese friedlich gesinnt waren. So oft hatte er schon von Expeditionsteams gehört, welche die Askurische Wüste durchqueren wollten. Niemand war je zurückgekehrt.

Er dachte an die triste Einöde der Wüste und den qualvollen Durst, sowie die unerträgliche Hitze. Seine Beute und er hatten dies überlebt. Er fragte sich, ob es wohl in dem Land noch etwas schlimmeres, als das Klima der Wüste, gab.

Schlagartig verließ er den Wald und blieb stehen. Vor ihm eröffnete sich eine riesige grasbewachsene Ebene. Sein Blick wanderte über die gewaltige Weite, bis er schließlich bei einem kleinen Schuppen hängen blieb.

So leise wie möglich, huschte er geduckt vorwärts. Hin und wieder erkannte er dabei Fußspuren auf dem Grasboden. Es waren eigentlich nur dutzende umgeknickte Halme, aber nur ein Mensch konnte diese Form im Boden hinterlassen.

Er genoss den Geruch der Wiese und die wärmende Sonne auf seiner Haut. Die letzte Nacht war unerträglich kalt gewesen. Damals hatte ihn so etwas nie gestört, doch langsam schmerzten ihm die Knochen. Er wurde wohl langsam alt.

Er schlich sich die letzten Meter zu der kleinen Holzhütte und presste sich an die raue Außenwand. Er drückte sich weiter vor und spähte durch das verdreckte, alte Fenster. Erkennen konnte er nur wenig. Es sah so aus, als ob die Hütte schon seit Jahren keinen Hausbesitzer mehr hatte. Überall auf dem maroden Holz haftete Staub, dutzende von Spinnenweben verzierten die Decke, sowie die Wände.

Plötzlich glomm kurz etwas Violettes auf. Er zuckte sofort mit seinem Kopf zurück und zog sein Schwert, sowie ein Wurfmesser. Nach all den Monden und der unerträgliche Reise, hatte er den Bastard endlich gefunden. Bald würde er nach Hause zurückkehren können.

Er verließ seine Deckung und stapfte zu der Tür. Die Zeit des Schleichens war nun vorbei. Ohne zu zögern, trat er die morsche Holztür auf und rannte in das Haus. Es war unnatürlich dunkel in der Hütte, so dass er kaum etwas erkennen konnte.

»Zeig dich, Magier!«, schrie er wütend.

Zwei violett leuchtende Punkte starrten ihn aus der Dunkelheit an.

Blitzschnell reagierte er und warf sein Wurfmesser in die Richtung. Im nächsten Moment packte er sein Schwert mit beiden Händen und rannte los. Auf einmal verharrte er an Ort und Stelle, so als ob er versteinert wäre.

Angestrengt kämpfte er gegen die unsichtbare Kraft an und machte einen Schritt nach vorne. Schlagartig wurde jedoch zurück geschleudert. Brutal landete er gegen eine Wand und fiel schließlich auf den staubigen Boden.

Er hustete angestrengt und suchte verzweifelt nach seinem Schwert. Plötzlich wurde er erneut zurückgeschleudert und gegen die Wand gedrückt. So sehr er sich auch anstrengte, er konnte sich nicht aus dem magischen Griff befreien.

Das leuchtende Augenpaar kam langsam näher und blieb vor dem Fenster stehen. So dass das Sonnenlicht seine alten und faltigen Gesichtszüge zeigte, sowie die ergrauten Haare und den kalten Blick.

»Ich hätte nicht gedacht, dass mich einer von Menos Kopfgeldjägern bis hier her verfolgt«, meinte Merdor mit dunkler Stimme.

»Die Welt ist voller Wunder«, keuchte er.

Der Druck der Magie war enorm. Allein das Atmen war schon anstrengend für ihn.

»Da gebe ich dir Recht. Die Frage ist nun, was ich mit dir mache?«

Er schnaufte laut aus.

»Du kannst dich ergeben und dann bringe ich dich lebendig zurück.«

Merdor lachte lauthals los, »Damit ich dann dort hingerichtet werde? Ich habe Mitglieder der Leibwache ermordet. Und außerdem bist du jetzt die Beute und ich der Jäger.«

Er versuchte so unauffällig wie möglich eines seiner versteckten Wurfmesser, welche sich unter seinem Ärmel befanden, herauszuholen. Seine Arme konnte er wundersamer Weise recht gut bewegen. Der Zauber wirkte sich nur auf seinen Brustkorb aus.

»Warum hast du sie ermordet?«, versuchte er abzulenken.

»Es war Notwehr. Sie haben mich angegriffen und eines meiner Kinder umgebracht«, erklärte der Magier geistesabwesend.

»Du hast Kinder?«

»Nicht diese Art, die du im Kopf hast. Ich rede von meinen magischen Kreaturen.«

Er bekam endlich den Griff des Messers mit seinen Fingerspitzen zu fassen.

»Ich hörte schon, dass du Gräber geschändet hattest.«

»Das Ergebnis heiligt die Mittel!«, rief Merdor aufgebracht und seine Augen leuchteten dabei abermals wieder auf.

»Schon in meiner richtigen Heimat wurde ich dafür verstoßen. Ich dachte, dass so ein rückständiges Land, wie Askuria es ist, das verstehen würde!«, erklärte er aufgebracht.

Auf einmal zog er das Wurfmesser heraus, packte es und warf es gegen den Magier. Im nächsten Moment ließ der gewaltige Druck endlich nach und er ging tief einatmend zu Boden. Sofort sprintete er los und Merdor entgegen.

Dieser zog mit verzerrtem Gesichtsausdruck das Messer aus seinem Bein heraus und hielt ihm augenblicklich die flache Handinnenseite entgegen. Plötzlich wurde er erneut brutal zurückgeschleudert. Er sah die Welt rückwärts an sich vorbeirauschen. Daraufhin spürte er einen Aufprall, hörte Glas splittern und schließlich bohrten sich die Scherben durch seine Haut.

Für einen Moment beobachtete er noch das zerbrochene Fenster, durch welches er geschleudert wurde. Gleichzeitig regneten Glassplitter auf ihn herab. Dann ging ein enormer Aufschlag durch seine Knochen und alles um ihn herum verschwamm langsam.

 

 

Tabor wachte geschockt auf und bemerkte, dass die Welt auf dem Kopf stand. Er brauchte einen Moment um zu realisieren, dass er geträumt hatte. Das war der erste Traum seit seiner Verwandlung vor über zwanzig Jahren.

Er sah kurz an sich herab und bemerkte seine verschmutzte und abgewetzte Kleidung. Er bemerkte auch, dass er kopfüber an der Decke hing. So schlief er immer am besten. Verwirrt schloss er wieder seine Augen. Er musste weiterschlafen und sich erholen. Innerlich hoffte er, dass er nicht wieder von seiner Vergangenheit und der Jagd nach Merdor träumen würde.

 

 

Kemar schrie laut auf, als sich das Messer durch seine Eingeweide schnitt. Die Pfeilspitze steckte immer noch in seiner Taille und der Schmerz wurde von Sekunde zu Sekunde unerträglicher.

Der Vampir, der ihn behandelte, trug eine dunkelbraune Stoffrobe und wirkte spindeldürr. Seine Haare waren teilweise ergraut und einige Falten zierten sein mageres Gesicht. Kemar wusste, dass der Mann bereits vor seiner Verwandlung ein Arzt gewesen war. Und nachdem Vampire nicht alterten, sondern nur so blieben, wie sie es vor der Inkarnation waren, wusste er auch, dass der Arzt sehr viel älter als er selbst war.

Er drückte das Messer noch ein Stück tiefer in seinen Körper und zog es dann gegen sein Fleisch. Kemar entwich ein schmerzerfüllter Schrei und er bemerkte, dass er am ganzen Leib zitterte. Er verfluchte diesen unbekannten Angreifer und schwor sich, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. Er würde ihn verwandeln und dann über Jahrhunderte hinweg quälen.

Mit seiner freien Hand nahm der Arzt eine Zange und rammte diese in das blutende Loch von Kemar. Er hörte es Klicken und spürte, wie sich das Brennen langsam seinen Weg hinaus suchte. Der Vampirarzt zog nun noch einmal kräftiger und im nächsten Moment hörte das Brennen auf.

Kemar sah auf und besah sich die blutige, silberne Pfeilspitze. Sie hatte nicht einen Widerhaken, sondern gleich fünf. Entspannt blickte der Vampirfürst an sich herab und beobachtete, wie sich seine Wunde von selbst wieder heilte.

»Ich will diesen Bastard tot sehen!«, rief er wütend und stand auf.

Ohne sich bei dem Arzt zu bedanken, oder zu verabschieden, verließ er den Raum und stapfte durch die dunklen Flure. Es war an der Zeit sich zu nähren. Der grünäugige Magier hatte ihn sicher schon vermisst. Kemar liebte magisches Blut und er hatte noch nie einen Zauberer gefunden, dessen Blut so vollgestopft mit Energie war, wie diesen.

 

 

Die Vögel sangen ihre Lieder quer über die Baumkronen hinweg. Die Sonne glitzerte und spiegelte sich in den feuchten Blättern wieder und strahlte auf ihn herab. Er selbst lag im Gras und hielt seine Augen geschlossen.

Für den Moment genoss er nur die Wärme, die der weit entfernte Planet spendete. Allmählich erwachte er und sah die Glasscherben rings um sich. Müde erhob er sich und wischte sich den Staub und die Splitter ab. Die wenigen Wunden schmerzten ihn kaum, er hatte in seinem Leben schon viel Schlimmeres erlebt und war deswegen relativ gut abgehärtet.

Ein Schmetterling flog durch die Luft und kam torkelnd auf ihn zu. Tabor streckte seine Hand aus und schließlich landete das Insekt auf dieser. Er betrachtete das orangene mit kleinen, schwarzen Punkten übersäte Muster auf den langen Flügeln. Es war wunderschön.

 

 

Abermals erwachte Tabor gehetzt aus seinen Träumen. Verwirrt über die aufkommenden Erinnerungen, ließ er sich fallen. Er rauschte mit dem Kopf voraus in die Tiefe. Kurz bevor er aufkam, drehte er sich einmal in der Luft und landete schließlich mit seinen Füßen auf den Boden. Der Aufprall war so sanft und leise, dass man hätte meinen können, er hätte nur einen Schritt gemacht.

Entschlossen durchquerte der Vampir die Eingangshalle und ging auf die geschlossene Tür zu. Er packte den Türgriff, zog diesen herab und trat aus dem Schatten in die Sonne.

Für einen Herzschlag lang fühlte sich die Wärme gut an. Doch plötzlich wurde aus dem wundervollen und schon fast vergessenen Gefühl Schmerz. Überall auf seinem Körper spürte er das Brennen. Auf seiner Haut bildeten sich schmerzhafte Brandblasen. Er glaubte sogar, dass sein Blut zu kochen begann.

Qualvoll sank der Vampir auf die Knie und schrie dabei die Sonne wütend an. Er bemerkte, wie sich seine Kleidung an ein paar Stellen entzündete. Auf einmal tauchte vor ihm ein Schatten auf. Im nächsten Moment wurde er äußerst unsanft zurück geschubst. Kurz darauf hörte er, wie sich die Tür wieder schloss und das Brennen hörte auf.

Nur sehr langsam fing seine Haut damit an sich wieder zu regenerieren. Die verbrannten und verkohlten Stücke fielen ab und darunter kam eine neue Schicht hervor. Nach nur wenigen Sekunden sah er so aus, als ob nie etwas passiert wäre.

»Was zur Hölle machst du da?!«, schrie ihn Myla an.

Tabor rappelte sich auf Knie und blieb so sitzen.

»Ich versuche zu sterben«, entgegnete er trocken.

»Warum?! Du bist doch Tabor, der legendäre erste Vampir. Du hast noch nie aufgegeben!«

»Ich bin ein Nichts. Und warum interessiert es dich? Du hasst Vampire doch sowieso«, meinte er und starrte ihr dabei in die braunen Augen.

»Ich brauche dich.«

Tabor entwich ein Lachen.

»Deswegen bist du also noch in meinem Haus.«

Im nächsten Moment stand er aufrecht vor ihr und ging schließlich an ihr vorbei. Kurz darauf holte Myla ihn wieder ein und hielt ihn erneut auf.

»Ich bin noch hier, weil es keinen Ort gibt, an den ich gehen kann«, erklärte sie.

»Geh zu deinem Menschendorf und hoffe, dass du nicht als Tribut eingereicht wirst«, meinte Tabor und schlängelte sich erneut an der Frau vorbei.

»Verflucht! Hör mir doch mal zu! Es gibt keine Menschendörfer mehr! Nachdem ihr verschwunden seid, haben die Vampirfürsten alle Dörfer ausgerottet.«

Tabor blieb nun stehen und dachte angestrengt nach.

»Das ist aber gegen die Gesetze von Merdor. Ein jeder Vampirstaat benötigt Menschendörfer. Wir verschonen euch und im Gegenzug erhalten wir Tribute. So bleibt alles im Gleichgewicht und es muss niemand hungern.«

»Ja das war auch barbarisch, aber nicht so sehr wie die neuen Gesetze.«

»Die wären?«

»Menschen haben keine Rechte mehr. Wir sitzen in ihren Kerkern oder Blutbanken und verrotten langsam. Andere werden dazu manipuliert tagsüber Wache zu halten oder Nachwuchs zu zeugen.«

Tabor war sprachlos. Es war schon eine Unverschämtheit, dass sie sein Land enteignet hatten, aber Merdors Gesetze metaphorisch mit den Füßen zu treten, war einfach nur noch Verrat.

»Das ist Wahnsinn«, keuchte Tabor.

»Hilfst du mir jetzt?«, fragte Myla und schaute ihn dabei auffordernd an.

»Bei was soll ich dir helfen? Ich werde Kemar einfach umbringen«, fauchte der blonde Vampir und ging nun in die entgegengesetzte Richtung.

Myla lief ihm sofort nach.

»Und dann?«

»Was und dann? Vampire folgen immer dem stärksten Anführer. Kemars wahrer Tod wird mich zu ihrem Anführer machen.«

»Glaubst du wirklich, dass sie dir folgen werden? Momentan ist das Leben für sie einfach nur eine Feier. Sie können so viel Blut trinken, wie sie wollen. Es ist egal, ob sie einen Menschen umbringen. Ich glaube sie werden das nicht so einfach aufgeben. Und Kemar ist nicht der einzige Vampirfürst. Das was hier passiert ist, ist auch in all den anderen Regionen passiert.«

Tabor blieb erneut stehen und betrachtete die geschlossene Kellertür. Wenn er diese öffnen würde, dann würde er erneut kämpfen und morden. Genauso wie er es schon sein Leben lang getan hatte. Es würde niemals enden, bis er eines Tages sterben würde.

Er bemerkte wie sich seine Adern abzeichneten. Tabor drehte sich zu Myla um und entgegnete, »Dann werde ich jeden einzelnen umbringen.«

Schließlich lehnte er sich gegen die schwere Metalltür, spannte seine Muskeln an und stemmte sie auf.

Kapitel 4: Der Turm

Das Messer schnitt sich langsam durch die Haut, die Sehnen und das Fleisch. Es machte dabei ein glitschiges Geräusch und allmählich tröpfelte das Blut aus dem Unterarm heraus. Cane schnitt noch tiefer, bis das Blut reichlich floss und die Schale füllte, welche er darunter hielt.

Der angekettete Vampir keuchte nur und funkelte ihn böse an. Der Vampirjäger setzte schließlich die Klinge ab, steckte sie sich wieder in seinen Stiefel und hob den Krug in die Höhe.

Belustigt bemerkte er, dass die schwarzen Adern des Vampirs sich pulsierend aus seinem Gesicht hervordrückten. Es war immer das Gleiche. Sie waren so emotionsgesteuert und dramatisch.

Cane hob die Schale nun vor sein Gesicht und ließ sie langsam in seine Richtung umkippen. Die rote Flüssigkeit schwappte über und landete in seinem geöffneten Mund. Ohne jegliche Scheu trank er das Vampirblut. Mittlerweile hatte er sich an den widerwärtigen Geschmack gewöhnt.

Kurz bevor er das Gefühl hatte, dass es ihm wieder hochkommen würde, schloss er seinen Mund kippte den Rest über sein Gesicht. Mit einem lauten Schrei, warf er die Schüssel zur Seite. Klirrend ging sie an einer Wand zu Bruch.

Er spürte, wie ihn das Blut stärkte und seine Sinne schärfte. Mit zitterndem Oberkörper atmete er einmal tief ein und genoss das berauschende Gefühl.

»Du bist nicht besser als wir«, flüsterte der geschwächte Vampir.

»Du weißt was passiert, wenn du redest, Bruder«, drohte Cane.

Der Vampir biss sich auf die Lippen und schaute verstört zu Boden.

»So ist es richtig«, meinte er und wandte dem Gefangenen den Rücken zu.

Die Sonne war schon längst untergangen und er musste mit seiner nächsten Jagd beginnen.

 

 

Der zunehmende Vollmond tauchte die Stadt in einen silbernen Schein. Die Straßen waren, ganz anders als in Askuria, allesamt gepflastert. Mehrstöckige Häuser ragten nebeneinander auf und zwischen ihnen entstand hin und wieder eine kleine Gasse.

Die Häuser an der Stadtgrenze waren noch verhältnismäßig klein. Je näher man jedoch dem Zentrum kam, desto riesiger und höher wurden die Gebäude. Bis man schließlich genau in der Mitte der Vampirstadt ankam. Dort befand sich ein gewaltiger Turm.

Er war quadratisch erbaut worden und hatte den Umfang von mindestens zehn normalen Häusern. Der Turm erstreckte sich ewig weit in die Höhe. Alle dutzend Meter schrumpfte er ein Stück in sich hinein, so dass er nach oben hin immer spitzer wurde.

Dieser Turm war Merdors ehemalige Residenz gewesen. Von hier aus hatte er kommende Kriege, Nahrungsversorgungen, Diplomatie und viele andere Dinge geplant.

Und genau vor diesem Gebäude stand ein schwer gerüsteter, blonder Vampir. Seine Miene zeigte pure Entschlossenheit, seine Statur war aufrecht und elegant, seine Rüstung war rabenschwarz und an seinem Waffengürtel baumelten nicht nur ein Schwert und Dolche, sondern auch Holzpflöcke.

Neben Tabor stand Myla. Sie wirkte leicht angespannt und besaß ebenfalls einige Waffen, welche jedoch erst auf einen zweiten Blick zu erkennen waren.

»Alles in Ordnung?«, fragte er die braunhaarige Frau.

»Ich bin in einer Stadt voller Vampire und manipulierter Menschen«, meinte sie leise.

»Also bist du bereit?«